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Video-Filmkritik : Mit diesem leicht bekifften Rhythmus

Bild: dpa

Buschige Koteletten, schlechte Auftragslage und Liebeskummer: In Paul Thomas Andersons Verfilmung des Pynchon-Romans „Inherent Vice“ spielt Joaquin Phoenix einen Marlowe auf Marihuana. Dann bekommt er einen Fall. Und noch einen.

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          Allein schon diese irren Namen: Doc Sportello, Mickey Wolfmann, Shasta Fay Hepworth oder Sauncho Smilax. Wer auch nur einen Roman von Thomas Pynchon kennt, ahnt schnell, dass der neue Film von Paul Thomas Anderson eine Pynchon-Verfilmung ist. Die erste - und, wie manche nicht ohne Grund meinen, zugleich die letzte. „Inherent Vice“ - ein juristischer Begriff für natürliche Mängel - ist vermutlich Pynchons zugänglichster Roman, was nicht heißt, dass ein Drehbuch sich von selbst ergäbe. Es ist ein Detektivroman, der mit den klassischen Autoren, Themen und Tropen des Genres spielt, sie verbiegt, zerlegt und zu interessanten Prosa-Plastiken wieder zusammensetzt, wie das nur Pynchon kann.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wie Anderson daraus ein Drehbuch destilliert hat, das energisch ausdünnt, rafft und kondensiert, das ist bewundernswert. Weil er weder die Geschichte gewaltsam zurechthobelt noch ihre Rätsel und losen Enden als künstlerisches Nonplusultra präsentiert. Anderson, der aus Los Angeles stammt und die Stadt bereits in Filmen wie „Boogie Nights“ oder „Magnolia“ zum selbständigen Akteur gemacht hat, besitzt zudem ein ausgeprägtes Gespür für das, was man von dieser zu Tode fotografierten Stadt noch zeigen kann. Dass einem „Chinatown“ einfällt oder Altmans Adaption von Chandlers „Long Goodbye“, hat weniger mit direkten Zitaten zu tun. Es ist eine Frage der Atmosphäre, es liegt in der Luft wie der flüchtige Hauch eines Parfüms. Und es ist zugleich erstaunlich, wie pointiert Anderson die welkende Hippiewelt der frühen siebziger Jahre skizziert, die sich vom Schrecken der Manson-Gang, von der Ermordung Sharon Tates, nie wieder erholen sollte.

          Ein Themenpark kalifornischer Bizarrerien

          Joaquin Phoenix spielt die Hauptfigur in diesem Labyrinth von einem Plot. Sein Doc Sportello ist ein Marlowe auf Marihuana, ein Mann mit buschigen Koteletten, schlechter Auftragslage und Liebeskummer, der in einem heruntergekommenen Strandhaus wohnt. Als seine Ex-Freundin auftaucht, die mit einem Immobilienmogul liiert war, der verschwunden ist, hat Doc einen Fall - und bald darauf einen zweiten, weil ein Mehrfach-Agent namens Coy Harlington (Owen Wilson) ebenfalls verschwunden ist. Und natürlich hat Doc den genreüblichen Stress mit der Polizei, den Josh Brolin in der Rolle des Bigfoot Bjornsen mühelos über das Übliche ins Comichafte hinaustreibt.

          Es gibt dazu, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Logik, eine arische Bruderschaft, einen Massagesalon mit „Pussy Menu“, Reese Witherspoon als superkorrekte Bezirksanwältin, ein obskures Sanatorium wie bei Chandler, einen koksenden Zahnarzt, der einen tödlichen Trampolinunfall hat, und Docs Büro, das mit Nirosta-Spüle und Gynäkologenstuhl möbliert ist. So gleicht die Ermittlung der wilden Fahrt durch einen Themenpark kalifornischer Bizarrerien zwischen Plot und Paranoia. Es gibt Resultate, aber keine Lösungen.

          Dieses Übermaß an Einfällen

          Doch ist das entscheidend? Ist der Plot wichtig? Ist es nicht so wie damals bei Howard Hawks, der Chandlers „Großen Schlaf“ verfilmte und während der Dreharbeiten bei Chandler anrief, um ihn zu fragen, wer denn nun wen umgebracht hatte? Chandler konnte sich nicht mehr erinnern. So ähnlich ist es auch hier, und das ist genau richtig. Ob nun der Smog Docs Sicht auf die Welt vernebelt, oder ob es die Wolken mit dem süßlichen Geruch sind, ist schwer zu entscheiden. Wie Anderson Pynchon adaptiert hat, mit diesem leicht bekifften Rhythmus, mit diesem Übermaß an Einfällen, die manchmal herumliegen wie Puzzlesteine, die zwar nicht passen, aber eine interessante Form haben, wie Anderson in diesem Chaos die Übersicht behalten hat, das muss man gesehen haben.

          Und es ist deshalb auch gut möglich, was Anderson nicht bestätigt, Josh Brolin aber behauptet hat, dass Thomas Pynchon, das Phantom, einen kurzen Auftritt im Film hat, und zwar nicht, wie in den „Simpsons“, nur als Stimme und Animation mit einer Papiertüte überm Kopf. Sondern ganz real. Zweifelsfrei identifiziert hat ihn bislang noch niemand.

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