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Video-Filmkritik zu „El Olivo“ : Kann Wurzeln kaufen, wer keine hat?

  • -Aktualisiert am

Bild: Jose Haro/Piffl Medien

Ein uralter Baum wird verkauft und verpflanzt, um als Symbol für eine Firma zu dienen – und steht im spanischen Film „El Olivo“ schließlich doch für etwas ganz anderes als das ewige Geldverdienen.

          Mit einem Tuch vor dem Gesicht geht Alma zwischen den vielen tausend Küken im Hühnerstall ihrer Eltern herum. Sie sieht aus wie früher die Bankräuber im Wilden Westen. Aber hier geht es um etwas anderes. Sie muss sich schützen gegen die Substanzen, die in der Intensivlandschaft zum Einsatz kommen. Gegen die dicke Luft, die in einem Gehege herrscht, in dem die Tiere keinen Auslauf mehr kennen, sondern einander auf die Hühnerfüßchen treten. Alma macht mit, weil sie zu diesem Betrieb gehört, seit sie auf der Welt ist. Aber der Betrieb hat sich verändert, und sie ist nicht die Einzige, die damit nicht glücklich ist. Es ist vor allem ihr Großvater, der als lebendes Zeichen des Protests erscheint. Wenn Familienrat ist, findet man ihn meist nicht. Er stapft lieber draußen herum, zwischen den Olivenbäumen, die sein ganzer Stolz sind. Das exzellente Öl, das hier entsteht, hat es zwar auf dem Markt sehr schwer, weil gepanschtes Zeug aus China die Preise verdirbt, wie sein Sohn einmal laut klagt. Aber das wertvolle Öl ist immer noch besser als die toten Hühner, die Alma jeden Tag aus dem Riesenstall entsorgen muss.

          In Icíar Bollaíns Film „El Olivo – Der Olivenbaum“ geht es schließlich, wie der Titel schon sagt, um einen ganz bestimmten Baum. Um einen sehr alten. „Den haben schon die Römer gepflanzt“, heißt es einmal, der Baum soll 2000 Jahre alt sein, die Wurzeln, so stellt man sich vor, müssten eigentlich fast den ganzen Globus zusammenhalten. Ein „Monster“ war der Baum, sagt der Großvater, der es nicht verwinden kann, dass dieser Olivenbaum nicht mehr da ist. Er wurde verkauft, für 30.000 Euro, nicht einmal die Proteste von Alma, die sich einst als Kind an dieses Monster klammerte, konnten das verhindern.

          Wurzeldesign in Düsseldorf

          Nun wissen nicht nur die Anhänger des berühmtem Häuptlings Seattle, dass man Geld nicht essen kann. Aber in Spanien ist Kreditkrise. In dieser Situation setzt „El Olivo“ ein Zeichen. Oder genauer gesagt: eine Zeichenhandlung. Alma will das Monster zurückholen. Dazu muss sie aber zuerst einmal herausfinden, wo man es hingebracht hat. Die Pointe ist gut gesetzt, sie hat nebenbei auch mit den Koproduktionslogiken zu tun, die das europäische Kino heute bestimmen: „El Olivo“ befindet sich in Düsseldorf und ziert dort nicht nur das Foyer eines Energiekonzerns, sondern ist auch zu dessen Logo geworden. Wurzeldesign inklusive.

          Für eine junge Idealistin wie Alma sind die 1659 Kilometer, die zwischen der Rheinmetropole und ihrer Heimat liegen, keine unüberwindliche Hürde. Sie lässt sich eine Geschichte einfallen und überredet zwei Männer, Alca und Rafa, sich mit ihr auf den Weg zu machen. Die Grenzen sind offen, und die Ladefläche des Lastwagens ist leer, jedenfalls bis Alca unterwegs einfällt, dass unweit einer Autobahnabfahrt jemand lebt, der ihm 90.000 Euro schuldet. Auf dem Anwesen ist niemand, sodass Alca nicht viel mehr bleibt, als eine kitschige Freiheitsstatue aus dem Garten zu beschlagnahmen. Die fährt nun auf der Ladefläche nach Düsseldorf.

          Ein Beispiel für Entwurzelung

          Es sind komische Details dieser Art, mit denen „El Olivo“ um Verständnis für eine Expedition wirbt, die man für quijotesk halten müsste, wüsste man nicht inzwischen gut, dass in Zeiten von Facebook-Gruppen und Hashtag-Lawinen schnell einmal aus einer Mücke ein Elefant oder aus einem Monster ein Menetekel werden kann. Darauf zielt Icíar Bollaín auch ganz deutlich, wobei sie Unterstützung von prominenter Seite bekam. Denn das Drehbuch zu „El Olivo“ stammt von Paul Laverty, der sich vor allem durch wichtige Arbeiten für Ken Loach hervorgetan hat. Laverty steht für einen linken Populismus, der sich hier mit ökologischen und allgemeinen lebensweltlichen Themen verbindet. Wie wollen wir leben? Der Olivenbaum deutet es an. Was ihm widerfährt, ist ein Beispiel für eine allgemeine Entwurzelung, wobei Laverty mit seiner zentralen Idee ein gutes Maß an Klugheit beweist. Denn wie er den Baum von einem naturwüchsigen Gut zu einer besseren Topfpflanze und schließlich als Firmensymbol vollends immateriell werden lässt, das vollzieht sehr gut nach, wohin die Entfremdung geht. Zum Glück ist Alma nicht dumm, sie und ihre Freundinnen und die Angehörigen einer Frauen-WG in Düsseldorf entwickeln ihren eigenen „spin“, und so entwickelt sich schnell ein Occupy-Szenario.

          Die sympathische Protagonistin, gespielt von Anna Castillo, steht auch für einen Generationenwechsel bei Paul Laverty. Bisher ging es bei ihm und Loach ja häufig um Verlierer der Globalisierung, die eher schon im letzten Drittel ihres Berufslebens aus der Bahn geworfen werden. Im Bündnis mit Icíar Bollaín setzt Laverty nun aber eindeutig auf eine idealistische Jugend. Bei allen Widrigkeiten braucht es in dieser Filmerzählform eine positive Identifikationsfigur und Möglichkeiten, etwas zu tun. Da der Schritt in die Praxis aber besonders heikel ist, kommt auch in dem Film „El Olivo“ schließlich viel darauf an, wie sich die Sache mit dem Baum konkret löst. So viel kann verraten werden: Die Lösung ist einfach, elegant, und sie lässt alles offen. Anders geht es auch gar nicht in einer Geschichte, in der es vielleicht nicht um alles geht, aber doch um beträchtliche Zeitmaße: „Wo mag der Baum in 2000 Jahren sein?“, fragt Alma sich in einem besonders gewichtigen Moment.

          Das vermag auch Paul Laverty nicht zu beantworten, aber die Mission des Films ist ja auch nur, uns klarzumachen, dass wir zu den Generationen gehören, auf die es für die Zukunft des Planeten ganz besonders ankommt.

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