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Video-Filmkritik: „I, Tonya“ : Keine Pirouetten!

  • -Aktualisiert am

Raus mit der Freude: Tonya (Margot Robbie) jubelt über ihre Punktzahl, nachdem sie den Dreifach-Axel gesprungen ist. Bild: DCM

Eine Eiskunstläuferin wird angegriffen, eine andere ringt um ihr Gleichgewicht. „I, Tonya“, Craig Gillespies Komödie spielt auf dem dünnen Eis der sozialen Tragödie – und zählt in Amerika zu den Überraschungserfolgen der Saison.

          4 Min.

          Beim Eiskunstlaufen zeigt sich die Wahrheit auf dem Eis, aber auch in den Augen von Betrachtern. Pflicht oder Kür mögen noch so exzellent gelingen, draußen hinter der Bande sitzt eine Jury und achtet auf Dinge, die mit der virtuosen Bewegung auf Kufen nicht unmittelbar zu tun haben. Zum Beispiel blauen Nagellack. Das Erste, was Tonya Harding von einer neuen Trainerin zu hören bekommt, betrifft ihre Fingernägel. „Lose the blue nail polish.“ Normalerweise reagiert Tonya auf solche Ratschläge allergisch, und würde nun vermutlich nach einem ultramarinazzurischen Lack suchen. Doch sie befindet sich nach den Olympischen Spielen in Albertville 1992 an einem Punkt ihrer Karriere, an dem sie sich entweder mit einem Leben als Kellnerin in Fastfood-Lokalen abfindet oder an dem sie es noch einmal versucht. Und das bedeutet auch: an dem sie versucht, die Funktionäre hinter der Bande, die mit ihren Noten über Gold- oder Blechmedaille entscheiden, nicht zu sehr vor den Kopf zu stoßen.

          Dass man sich die Geschichte von Tonya Harding, die in den neunziger Jahren im Fernsehen zur Genüge breitgetreten wurde, jetzt noch einmal im Kino anschauen kann, das hat natürlich nichts direkt mit blauem Nagellack oder billigen Glitzerkleidchen zu tun, sondern mit „dem Vorfall“ – „the (f***ing) incident.“ An dem Vorfall könnte man eigene Wahrheitstheorien aufhängen: „Jeder erinnert sich anders daran, und das ist eine Tatsache“, sagt einer der Hauptbeteiligten, und es klingt wie ein fernes Echo des „print the legend“ aus John Fords „The Man Who Shot Liberty Valance“.

          Nagellackpräferenzen und ein sauberes Image

          Am 6. Januar 1994 fügte ein Mann namens Shane Stant der Eiskunstläuferin Nancy Kerrigan mit einer Eisenstange eine schwere Beinverletzung zu. Es war die Phase der Ausscheidungswettbewerbe um die Olympiateilnahme in Lillehammer, und Kerrigan war die stärkste Konkurrentin von Tonya Harding. Über die Nagellackpräferenzen von Kerrigan erfahren wir in Craig Gillespies Film „I, Tonya“ nichts Konkretes. Aber das ist auch gar nicht notwendig, es reicht schon, dass man einen grundsätzlichen Gegensatz begreift: Nancy Kerrigan steht für das saubere Image des Eiskunstlaufsports, Tonya Harding hingegen springt zwar den dreifachen Axel, sieht dabei aber aus wie „eine Kampflesbe“. Sie hat einen Wettbewerbsnachteil, der aus ihrem sozialen Umfeld kommt. Für dieses Umfeld gibt es einen polemischen Begriff: „white trash“. Damit sind die Koordinaten benannt, die Craig Gillespie und den Drehbuchautor Steven Rogers an dieser wahren Begebenheit interessiert haben, und sie haben damit wohl einen Nerv getroffen, denn „I, Tonya“ hat in Amerika bereits das Dreifache seines Budgets eingespielt und zählt zu den Überraschungserfolgen der Saison.

          Das hat wohl auch damit zu tun, wie hier eine Erfolgsgeschichte von einer Verlierergeschichte durchkreuzt wird. Im amerikanischen Kino gibt es zahlreiche Geschichten, in denen die härtesten Hindernisse aus einem schwierigen Weg zum Erfolg zur Seite geräumt werden – oder geboxt: Tonya Harding bezieht sich ausdrücklich einmal auf „Rocky“ und dessen Kampf gegen „den Russen“. Noch größere Strahlkraft hat daneben nur das noble Scheitern. Oder manchmal auch das unnoble. Dieses Kunststück gelingt „I, Tonya“. Da der Kasus von zahlreichen Persönlichkeitsrechten umstellt ist, macht Craig Gillespie von Beginn an klar, dass er von dem „Vorfall“ nur eine Version erzählt, die auf „ganz und gar widersprüchlichen, unironischen Interviews“ beruht.

          Um die Frage einer schuldhaften Beteiligung von Tonya Harding kommt er damit zwar nicht herum, er löst sie aber gewissermaßen milieutheoretisch. Der Anschlag wird in „I, Tonya“ zu einer schiefgelaufenen Morddrohung. Wenn man Trottel engagiert, bekommt man Dummheiten geliefert. Und wenn man Volltrottel engagiert – nun ja.

          Im Leben von Tonya Harding läuft zwar alles auf diesen Moment hinaus. Aber es zeigt sich, dass er eine Vorgeschichte hat, die wohl schon in dem Moment beginnt, in dem die Mutter von Tonya ihrer dreijährigen Tochter befiehlt: „skate wet!“ Das Mädchen hat sich gerade in die Strumpfhose gemacht. Die Beziehung von Tonya und LaVona Harding ist das Herz von „I, Tonya“. Es wird definiert nicht zuletzt von zwei tollen Schauspielerinnen: Die Australierin Margot Robbie (bekannt vor allem durch „The Wolf of Wall Street“) glänzt mit einer sehr wandelbaren Darstellung, sie zeigt eindrücklich, wie Tonya von ihren Konfliktenergien lebt und wie sie versucht, diese „auf das Eis“ zu bringen. Allison Chaney wiederum, unvergesslich in der Rolle der Pressesprecherin CJ aus der Serie „The West Wing“, wurde für ihre Rolle sogar mit einem Oscar ausgezeichnet: eine Rabenmutter mit Zigarillo, die mit schneidender Konsequenz ihre eigenen Enttäuschungen als Überforderungen an die Tochter weitergibt, und die schließlich auch noch den größten denkbaren Verrat an Tonya verübt, den an die Medien nämlich.

          Mit dieser Figur vor allem macht Gillespie deutlich, was er mit „I, Tonya“ vorhatte: eine Komödie auf dem dünnen Eis der sozialen Tragödie, eine Emanzipationsgeschichte aus dem Milieu häuslicher Gewalt und eine Korrektur der geläufigen Durchsetzungsdramaturgien. Tonya heiratet „den ersten Idioten, der dir sagt, dass du hübsch bist“, so die zynische Gratulation ihrer Mutter. Mit diesem Jeff Gillooly wird sie niemals eine „wholesome family“haben, wie sie die Funktionäre des Eiskunstlaufens gern repräsentiert sehen würden. Sie bindet sich vielmehr an eine Welt, mit der Hollywood allenfalls im Komödienmodus so halbwegs zurechtkommt. Und wenn Tonya dann zu ZZ Tops „Sleeping Bag“ einen großen Auftritt hat, dann ist das ein Zusammenprall unvereinbarer Welten. Die denkwürdigste Figur aus Jeffs Männerwelt ist dessen Buddy Shawn, ein fetter Nerd, der bei seiner Mutter lebt und der mit seinen hirngespinstigen Strategien der eigentliche Urheber des Unheils ist – den Komödianten Paul Walter Hauser wird man sicher demnächst noch öfter sehen.

          Craig Gillespie konnte mit einem guten Drehbuch und einem exzellenten Ensemble arbeiten. Es kam dann vor allem darauf an, den richtigen Tonfall zu treffen. „I, Tonya“ ist letztlich eben doch weder eine Komödie noch im strengen Sinn ein Drama, dazu war der „Vorfall“ nicht folgenreich genug. Gillespie findet wie von selbst und mit einer klugen, im Detail sogar immer wieder brillanten Erzählweise den Punkt, auf den es eigentlich ankommt: Er verleiht dem „white trash“ eine Würde, die weit über fragwürdige Haltungsnoten hinausgeht.

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