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Filmkritik „Holmes und Watson“ : Ein Computerhirn, ein Gentleman und wenige Gags

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Bild: dpa

Das berühmteste Ermittlerduo aller Zeiten hat selten was zu lachen. Sind aber „Holmes und Watson“ im Kino fürs Publikum lustig? Das jedenfalls ist die Idee hinter einer neuen amerikanischen Komödie. Eine humortheoretische Beweisaufnahme.

          Von einem der schwierigsten Fälle von Sherlock Holmes wusste das Publikum bisher recht wenig. Er betraf kein Verbrechen, sondern ein Bekleidungsstück. Wie kam der größte Detektiv der Weltgeschichte eigentlich zu seinem legendären Hut? Das Rätsel lässt sich literaturhistorisch lösen, dazu muss man die Texte von Sir Arthur Conan Doyle genau lesen, und man wird feststellen, dass der Deerstalker (die praktische Faltkappe, die auf den ersten Blick nicht gerade weltmännisch wirkt, auf den zweiten dann allerdings dreimal um die Ecke ziemlich cool) nur ganz beiläufig in die Figurengeschichte gerät.

          Fast schon müsste man von einer Konjektur sprechen, einer Ergänzung in Ermangelung von Eindeutigkeiten. In jedem Fall steckt in der Sache noch Potential – so erschien es jedenfalls dem amerikanischen Komödienschreiber Etan Cohen. Er nahm sich die Geschichten von Sherlock Holmes und Doktor Watson noch einmal vor, und sein Film „Holmes & Watson“ ist nun nicht zuletzt ein langes Hut-Casting geworden. Die Suche nach einer passenden Kopfbedeckung ist umso schwieriger, als Holmes hier besonders eitel ist, und der Großteil dieser Eitelkeit bezieht sich auf seinen Kopf, auf den Sitz der Geistesgaben, mit deren Hilfe sich jedes kriminalistische Rätsel feinsäuberlich in Indizienketten zerlegen lässt.

          Doktor Watson ist dabei der Protokollant, der Vertreter des Publikums im erzählerischen Universum, der Gentleman, der einem Exzentriker die Bühne bereitet. Im Englischen gibt es für seine Funktion den Begriff „sidekick“, wofür das Deutsche nur unzureichende Übersetzungen anbietet: Handlanger? Kumpan? In jedem Fall sind Holmes und Watson ein herausragender Fall für eine Geschichte der Homosozialität, und ihre Beziehung lädt ein zur Revision, zur Arbeit am Mythos von Genie und Assistent. Allzu ernst muss man diese Arbeit nicht nehmen. Sie geht viel leichter von der Hand, wenn man den Intuitionen des Komischen folgt.

          Verschärfte Paardynamik

          Oder einfach dem Temperament zweier erprobter Komiker. „Holmes & Watson“ sind Will Ferrell und John C. Reilly. Für Freunde der amerikanischen Filmkomödie springen bei dieser Kombination alle Ampeln auf Grün. Denn Ferrell und Reilly waren als Duo an zwei Schlüsselwerken der Nullerjahre beteiligt: In „Talladega Nights“ spielten sie 2006 die Rennfahrer Ricky Bobby und Cal Naughton jr., in „Step Brothers“ verliehen sie allen Vorstellungen von Patchwork-Familie neue Dimensionen – was wäre das eigentlich für ein Leben, wenn nie jemand von daheim ausziehen würde? Menschen mittleren Alters würden von Eltern, die sich neu orientieren, ständig rekombiniert. Explosive Mischungen aus kindlicher Kränkung und aggressiver Anhänglichkeit bringen das Konzept menschlicher Reproduktion an ein Ende.

          Zwei erprobte Komiker: Will Ferrell und John C. Reilly spielen „Holmes & Watson“.

          Die komische Überhöhung bevölkerungspolitischer Ängste der amerikanischen Rechten steckt seither fast in jeder „bromance“, in den vielen Buddy-Komödien, die durch Kumpanei (hier passt das Wort) den Familienauftrag aufkündigen. Bei Holmes und Watson im viktorianischen England war die Sache noch konventionell aufgeteilt: In einer Kultur, die den Junggesellen hohen Stellenwert einräumte, blieb Watson auch in dieser Hinsicht der herkömmliche Teil. Er heiratete, durfte aber bald als Witwer in die Baker Street zurückkehren.

          In Etan Cohens „Holmes & Watson“ wird die Paardynamik durch zwei weibliche Sidekicks verschärft. Watson bekommt es mit Dr. Grace Hart zu tun, einer amerikanischen Ermittlerin, die eine herrliche Figur im Schlepptau hat: Milliecent wird von Lauren Lapkus gespielt, bekannt aus „Orange is the New Black“.

          Ein Scharfsinn aus höherer Einfalt

          Es ist nur allzu passend, dass der aufgeblasene Holmes an dieses scharfkantige Rätselwesen gerät. Zu der transatlantischen Zusammenarbeit kommt es wegen des unumgänglichen Gegenspielers von Sherlock Holmes: Professor Moriarty zieht die Fäden von drüben, er ist mit einem Doppelgänger in England vertreten (gespielt wird er im Übrigen von Ralph Fiennes), doch ein Computerhirn lässt sich davon nicht täuschen. Das mit dem Computerhirn ist hier mehr als eine moderne Metapher: einer der Gags von Etan Cohen besteht darin, dass er die Geistestätigkeit von Holmes diagrammatisch in den virtuellen Raum projiziert. Man sieht also eine sinnesorganische Rechenmaschine, deren Kalkulationen dann allerdings an jämmerlicher Körperkoordination scheitern.

          Der hintersinnigste Witz in „Holmes & Watson“ betrifft den Kern der traditionell höchst einseitigen Zusammenarbeit zwischen den beiden Helden. Etan Cohen lässt es sich angelegen sein, Watson auf eine verschrobene Weise zu rehabilitieren, er schreibt ihm einen Scharfsinn zu, der aus höherer Einfalt kommt. Als konzeptuelle Idee hat das durchaus Charme, leider erweist sich aber der Plot von „Holmes & Watson“ insgesamt als zu dürftig, um wirkliches Interesse an der Dynamik zwischen Ferrell und Reilly zu erwecken.

          In Kleinst- und Einzelteile zerlegt

          So sieht man also zwei kongenialen Darstellern dabei zu, wie sie sich um eine Dynamik bemühen, an die sie selbst nicht so richtig zu glauben scheinen. Vielleicht liegt es daran, dass das viktorianische England (selbst in einer anachronistischen Spiegelung durch das heutige Zeitalter der Selfiesticks und kommunizierenden Maschinen) gegen „spoofs“ relativ immun ist – wofür man wiederum ein Indiz in der schwer parodierbaren Kopfbedeckung von Sherlock Holmes sehen kann.

          Die Hochkonjunktur der neueren amerikanischen Filmkomödie, die Mitte der neunziger Jahre mit „Dumb and Dumber“ begann und der Ferrell und Reilly einige Meilensteine hinzugefügt haben, war immer auf einen Mainstream der Minderheiten aus – die kulturellen und identitären Errungenschaften dieser Ära wurden in ihre komischen Kleinst- und Einzelteile zerlegt, damit daraus ein verwegener Gesellschaftskörper entstehen konnte.

          Die Koordinaten für Pointen verschieben sich

          Adam McKay, der 2008 bei „Stepbrothers“ Regie führte, hat sich seither auf Politkolportage verlegt (bei der Berlinale läuft sein neuer Film „Vice“ über den Ex-Vizepräsidenten Dick Cheney). Man kann den Populismus von McKay recht offensichtlich auf die Selbstkritik einer amerikanischen Linken beziehen, die sich vorwirft, zu sehr auf die Mikropolitiken gesetzt zu haben, aus denen die Komödien der vergangenen zwanzig Jahre ihre Energien gewannen.

          Dass Ferrell und Reilly nun für ihren Holmes-und-Watson-Film ins viktorianische England ausweichen, mag aber auch mit einer anderen Veränderung zu tun haben: Von Jim Carrey bis zu Seth Rogen waren diese Komödien doch recht überwiegend weiße Bubenstücke. „Holmes & Watson“ wirken nun ein wenig wie Abgesandte aus einer Welt, in der sich die Koordinaten für Pointen gerade ganz grundlegend verschieben, und nicht einmal ein Superhirn unter einer Pirschmütze kommt da so richtig mit.

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