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Filmkritik „Holmes und Watson“ : Ein Computerhirn, ein Gentleman und wenige Gags

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In Etan Cohens „Holmes & Watson“ wird die Paardynamik durch zwei weibliche Sidekicks verschärft. Watson bekommt es mit Dr. Grace Hart zu tun, einer amerikanischen Ermittlerin, die eine herrliche Figur im Schlepptau hat: Milliecent wird von Lauren Lapkus gespielt, bekannt aus „Orange is the New Black“.

Ein Scharfsinn aus höherer Einfalt

Es ist nur allzu passend, dass der aufgeblasene Holmes an dieses scharfkantige Rätselwesen gerät. Zu der transatlantischen Zusammenarbeit kommt es wegen des unumgänglichen Gegenspielers von Sherlock Holmes: Professor Moriarty zieht die Fäden von drüben, er ist mit einem Doppelgänger in England vertreten (gespielt wird er im Übrigen von Ralph Fiennes), doch ein Computerhirn lässt sich davon nicht täuschen. Das mit dem Computerhirn ist hier mehr als eine moderne Metapher: einer der Gags von Etan Cohen besteht darin, dass er die Geistestätigkeit von Holmes diagrammatisch in den virtuellen Raum projiziert. Man sieht also eine sinnesorganische Rechenmaschine, deren Kalkulationen dann allerdings an jämmerlicher Körperkoordination scheitern.

Der hintersinnigste Witz in „Holmes & Watson“ betrifft den Kern der traditionell höchst einseitigen Zusammenarbeit zwischen den beiden Helden. Etan Cohen lässt es sich angelegen sein, Watson auf eine verschrobene Weise zu rehabilitieren, er schreibt ihm einen Scharfsinn zu, der aus höherer Einfalt kommt. Als konzeptuelle Idee hat das durchaus Charme, leider erweist sich aber der Plot von „Holmes & Watson“ insgesamt als zu dürftig, um wirkliches Interesse an der Dynamik zwischen Ferrell und Reilly zu erwecken.

In Kleinst- und Einzelteile zerlegt

So sieht man also zwei kongenialen Darstellern dabei zu, wie sie sich um eine Dynamik bemühen, an die sie selbst nicht so richtig zu glauben scheinen. Vielleicht liegt es daran, dass das viktorianische England (selbst in einer anachronistischen Spiegelung durch das heutige Zeitalter der Selfiesticks und kommunizierenden Maschinen) gegen „spoofs“ relativ immun ist – wofür man wiederum ein Indiz in der schwer parodierbaren Kopfbedeckung von Sherlock Holmes sehen kann.

Die Hochkonjunktur der neueren amerikanischen Filmkomödie, die Mitte der neunziger Jahre mit „Dumb and Dumber“ begann und der Ferrell und Reilly einige Meilensteine hinzugefügt haben, war immer auf einen Mainstream der Minderheiten aus – die kulturellen und identitären Errungenschaften dieser Ära wurden in ihre komischen Kleinst- und Einzelteile zerlegt, damit daraus ein verwegener Gesellschaftskörper entstehen konnte.

Die Koordinaten für Pointen verschieben sich

Adam McKay, der 2008 bei „Stepbrothers“ Regie führte, hat sich seither auf Politkolportage verlegt (bei der Berlinale läuft sein neuer Film „Vice“ über den Ex-Vizepräsidenten Dick Cheney). Man kann den Populismus von McKay recht offensichtlich auf die Selbstkritik einer amerikanischen Linken beziehen, die sich vorwirft, zu sehr auf die Mikropolitiken gesetzt zu haben, aus denen die Komödien der vergangenen zwanzig Jahre ihre Energien gewannen.

Dass Ferrell und Reilly nun für ihren Holmes-und-Watson-Film ins viktorianische England ausweichen, mag aber auch mit einer anderen Veränderung zu tun haben: Von Jim Carrey bis zu Seth Rogen waren diese Komödien doch recht überwiegend weiße Bubenstücke. „Holmes & Watson“ wirken nun ein wenig wie Abgesandte aus einer Welt, in der sich die Koordinaten für Pointen gerade ganz grundlegend verschieben, und nicht einmal ein Superhirn unter einer Pirschmütze kommt da so richtig mit.

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