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Video-Filmkritik : Wenn der Mohn aufgeht

Bild: dpa

Caroline Link hat Hape Kerkelings Erinnerungen verfilmt: In „Der Junge muss an die frische Luft“ entdeckt der kleine Hans-Peter sein komödiantisches Talent. Nur eine Kleinigkeit fehlt.

          3 Min.

          Für einen Heimatfilm braucht es nicht unbedingt Berge oder Wiesen. Manchmal genügen eine Wagenladung Eierlikör und ein Mettigel, um diese ganz spezielle Gemütlichkeit zu verbreiten. Dazu ein paar sentimentale Schlager und natürlich lauter gute Menschen – ohne die gibt es keinen Heimatfilm. Nur bei einer solchen Mischung kann es gelingen, dass ein Kinosaal voller Menschen auf eine abgeranzte Gelsenkirchener Straße blickt und denkt: „Mensch, Recklinghausen in den Siebzigern war echt ganz schön.“

          War es nicht, sagt ein Historiker, der es wissen muss. Aber wir befinden uns nicht in einem Geschichtsbuch, sondern in der Geschichte von Hape Kerkeling. Die entscheidende Phase seiner Kindheit hat er in „Der Junge muss an die frische Luft“ beschrieben: den Umzug vom Land in die Stadt, den Tod seiner Großmutter und die Krankheit und den Suizid seiner Mutter. Doch das ist nur die tragische Seite der Medaille. Auf der anderen ist zu sehen, wie der kleine Hans-Peter sein komödiantisches Talent entdeckt. Er parodiert Nachbarinnen und macht anderen Quatsch, um Menschen zum Lachen zu bringen – vor allem seine depressive Mutter.

          Menschen machen nun mal Fehler

          Wir sehen also die Kindheit von Hape Kerkeling, so wie er sich an sie erinnert. Im Buch ist diese Subjektivität jederzeit klar, aber in Caroline Links Verfilmung kommt der Ich-Erzähler kaum zu Wort. Dadurch geht die persönliche Färbung verloren, die erklären würde, warum die ganze Familie voller exzeptionell guter Menschen ist. Für den kleinen Hans-Peter war das sicherlich so: Der lebenslustige Haufen stand ihm in der größten Krise seiner Kindheit bei. Aber vom Film (und vom echten Leben) sind wir Brüche in einem Menschenleben gewohnt. Gibt es sie nicht und ist das Ganze trotzdem vermeintlich objektiv aufgezogen, ist es eben ein Heimatfilm.

          Entweder die Rolle passte so perfekt zu ihm, dass er nicht viel spielen musste, oder dieser Junge ist ein wirklich großes Talent.

          Dieser Perspektivfehler wird in der einzigen Szene deutlich, in der ein solcher Bruch zutage tritt. Hapes Mutter, famos gespielt von Luise Heyer, verliert irgendwann die Nerven. Sie ist überfordert, weil ihr Mann dauernd auf Montage ist, nebenan liegt ihre Mutter im Sterben, und ihre chronische Kieferhöhlenentzündung quält sie. Deshalb schreit sie den Jungen an, als der versehentlich Milch verschüttet, und will ihn packen. Sie ist zum Fürchten in diesem Moment, auch für ihren Sohn, der aus der Wohnung rennt. Auf diese Weise gewinnt ihre Figur an Tiefe, während die an ihrer Seite flach bleiben, als hätten sie keinen Grund, Fehler zu begehen, weil das Leben sie nicht ganz so hart trifft. Aber Menschen machen nun mal Fehler, auch ohne Grund.

          Das soll nicht heißen, dass Caroline Links erster Film, den sie nicht selbst geschrieben hat, misslungen ist. Im Gegenteil, sie hat vieles richtig gemacht bei der Umsetzung des Drehbuchs von Ruth Toma; vor allem hat sie die Krankheitsgeschichte der Mutter bis hin zum Ende mit großem Takt und Respekt dargestellt. Ausstattung und Szenenbild von Susann Bieling sind hervorragend, gerade was die Wahl der Orte angeht – die besagte Straße in Gelsenkirchen, das sich im Film als Recklinghausen ausgibt, sieht wirklich aus, als wären die Siebziger noch nicht vorbei. Der Tante-Emma-Laden der Großmutter ist mit Detailbesessenheit eingerichtet. Man meint fast, ihn riechen zu können. Die Regisseurin verriet auch, dass das Mohnfeld in der ersten Szene nicht mohnig genug war: „Dann scheut Susann keine Mühe, 12000 Mohnblüten auf 3000 Drähte zu spießen und in das Feld zu stecken.“

          Die noch größere Herausforderung dürfte aber das Casting des jungen Hape gewesen sein. Tausend Kandidaten schaute sich das Filmteam näher an, bis die Wahl auf den achtjährigen Julius Weckauf aus einem kleinen Ort am Niederrhein fiel. Er hatte zuvor noch nie geschauspielert, und nach seiner beeindruckenden Vorstellung als Hape gibt es nun zwei mögliche Schlüsse: Entweder die Rolle passte so perfekt zu ihm, dass er nicht viel spielen musste, oder dieser Junge ist ein wirklich großes Talent. Er vereint den ganzen Humor und den ganzen Kummer des Films in seinem Spiel und sorgt für eine plausible Mischung. Tragik und Komödie fügen sich harmonisch ineinander.

          Nur am Ende, da kippt die ausgeklügelte Mischung. Alle Figuren, die ganzen Verwandten und Freunde des Jungen, laufen in dieser letzten Szene munter über Wiesen. Der kleine Hans-Peter bleibt etwas zurück und dreht sich um: Da steht der erwachsene Hape Kerkeling. Aus dem Off spricht er darüber, wie all diese Menschen ihn geprägt haben. Das Kind und der Mann nicken einander zu, dann ist der Film vorbei – und die Grenze zum Kitsch so kurz vor dem Ziel mit wehenden Fahnen überrannt.

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