https://www.faz.net/-gs6-8wcwp

Video-Filmkritik : Die Menschen entscheiden, wer Mensch ist

Ein Rest von Identität ist vorhanden: Johansson in ihrer neuen Rolle

Der größte Abstand zwischen den Originalen und dieser nach allerlei anderen Zweit-, Dritt- und Mehrfachverwertungen des Stoffs ( vor allem in Trickfilmen zwischen „Stand Alone Complex“ und „Arise“) bislang teuersten Bearbeitung ist indes ein musikalischer: Noch immer stellen sich die Nackenhaare des Rezensenten auf, wenn er die seinerzeit von Kenji Kawai angeleiteten Chöre singen hört: „A ga maebaaaaaa ...“, das im wahrsten Sinne des Wortes gespenstische Hochzeitslied, das böse Geister bannen soll und dabei vom Tanzen singt. Der Sanders-Blockbuster hier hat nichts Vergleichbares zu bieten, seinen Tonhilfskräften Clint Mansell und Lorne Balfe ist wenig mehr eingefallen als die marktübliche Trümmersymphonik und etwas elektroakustischer Zinnober, der eher an Jean-Michel Jarre als an irgendetwas Zeitgemäßes (sagen wir: Octo Octa oder Forest Swords, von Futuristischerem zu schweigen) erinnert.

Es stimmt, was gewiss nicht leicht zu erreichen war

Einige gelungene Bildeinfälle machen das freilich fast wett: Die Vitalzeichen von Verletzten als Visorprojektionen von Sanitätspersonal zu zeigen oder die unsterbliche Thermotarnung-Verfolgungsszene aus dem ersten Film gleichsam Note für Note zu transkribieren wie einen Wagner-Klavierauszug verdient Applaus, und im Rotlichtviertel, auf der Club-Toilette oder bei der Stangengymnastik-Actionszene weist das Sanders-Spektakel sogar vorsichtig über die optischen Möglichkeiten der Quellenwerke hinaus.

Manche der dort ausgestanzten Figurenposen ließen sich elegant einfügen (vor allem fast alle von Johansson), andere nicht; im Großen und Ganzen aber stimmt vor allem, was gewiss nicht leicht zu erreichen war, die materielle Textur: supraleitende Iridiumplättchen, große Gewitterwolken, rieselnder Rhodiumstaub und organometallische Menschen, „enhanced“ mit alkoholresistentem Stoffwechsel oder schnellen Tippfingern.

Sehr schön verhöhnt

Wo die Heldin diese ihre Welt über sich selbst und ihren Platz darin befragt, wiederholt Sanders allerdings nur den eher platten Gedanken, unsere Taten (statt: unsere Erinnerungen) bestimmten, wer wir sein könnten. Die Figur Major Motoko Kusanagi des Originals wusste, dass so ein Denken durch eine falsche individualistische Linse guckt – wer wir sind, können wir selbst und allein gar nicht rauskriegen, und so sagt die Gynoidin im Trickfilm sehr viel klüger: „Ob ich ein Mensch bin, erkenne ich daran, wie mich andere behandeln.“

Johansson war bei den Dreharbeiten maximal mit Latex bekleidet.

Der „Ghost in the Shell“-Film, der jetzt ins Kino kommt, interessiert sich mehr als für diesen sozialen Inhalt des Menschseins für dessen urbane Form und ihre nichtmenschliche Fauna, von holographischen Karpfen mit Chromschuppen, die immer wieder quer über die Straße schwimmen, bis zu den Nilpferdprojektionen auf Autodächern. Das alles verhöhnt sehr schön jeden naiven Naturbegriff und den heute so beliebten einer menschengemachten „zweiten Natur“ gleich mit.

Eine gute, eine gefährliche Frage

Die antinatürliche Stadt ist am Tag, wenn die Kamera sie von oben sieht, ein Stapel fallenartiger Modelleisenbahnlandschaften, bei Nacht ein Dunkelwald aus lichtergespickten Riesentotempfählen, und wenn man die Menschenregale der Wohnblocks mal von unten anschaut, erscheint ihre Helligkeit als die eines Menschen, der, beim Lügen erwischt, erbleichen muss.

Hier leben wilde Hunde, deren Zutraulichkeit Verdacht weckt; ein ganz besonders triefäugiger Basset Hound wirkt so, als hätte er irgendwo ein geheimes Konto von Sünden und Informationen aller Zweibeiner. Könnte man ihn dazu dressieren (wie die menschlich wirkenden Gestalten in diesem Film), seine Einwilligung zur Entnahme von Daten aus kognitiven Speichern und zur Einfügung in dieselben zu geben?

Manchmal taucht man in dieser Stadt einander in die Seelen; da ist es wie unter Wasser, aber man spürt dort auch Wind im Haar. In der städtischen Wirklichkeit streichelt Motoko unterdessen eine wunderschöne sommersprossige Frau mit dem Daumen an den Lippen. Der Moment ist pure Ausbeutung von Reizreaktionsmustern – wenn es je eine Filmszene gegeben hat, die um einen Soundtrack von FKA twigs bettelt, dann diese. Ist eine Zukunft denkbar, in der Maschinen Sex bei Menschen suchen, wie manche Menschen heute Sex von Maschinen wollen? Motoko fragt die Atemberaubende, wie sich der Moment anfühle. Eine gute, eine gefährliche Frage – vielleicht lautet die richtige Antwort, dass sich diese Berührung anfühlt wie der Abspann dieses Films, wenn die Geschichte fertig ist und der magische Chor aus der Tiefe der Vorgeschichte auftaucht: „A ga maebaaaaa ... kuwashime yoinikeri ...“

Der Klang dieser herrlichen Stimmen verweist auf ein Versprechen, das die Menschen den Puppen und die Puppen den Menschen immer nur ohne Garantie geben können: dass man einander nicht alleinlassen wird.

Weitere Themen

„Married“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Married“

Die Serie „Married“ läuft beim Pay-TV-Sender ProSieben Fun.

Topmeldungen

Christian Sewing und Martin Zielke (rechts)

Nach Zielkes Rückzug : Sewing, übernehmen Sie!

Es darf bezweifelt werden, dass die Commerzbank den Weg aus ihrer schwersten Krise alleine findet. Und so dürfte es mit Blick auf den Chef der Deutschen Bank bald heißen: Herr Sewing, übernehmen Sie.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.