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Im Kino: „Get out“ : Vom schlechten Gewissen gebissen

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Schoßhündchen im Dandy-Aufzug

Das Heilmittel, das die Dame des Hauses vorschlägt, gibt dem ganzen Film eine neue Richtung: Sie setzt auf Hypnose, und mit dieser Kolonisierung seines Unbewussten verliert Chris den Boden unter den Füßen. Er sieht sich als Außenseiter in einer Gesellschaft, in der alle Afroamerikaner zunehmend wie Zombies erscheinen. Besonders schlimme Figur macht einer, der sich im Dandy-Aufzug als eine Art Schoßhündchen einer dramatisch älteren weißen Dame präsentiert. Die Freunde der Armitages sind eine Freak Show für sich.

Zur beziehungsreichen Konstellation von „Get Out“ trägt bei, dass Jordan Peele nicht nur hinter der Kamera arbeitet, sondern selbst als Darsteller bekannt ist. Gemeinsam mit Keegan-Michael Key spielte er in Sketches Barack Obama als Ausgeburt der Vernunft, während Key neben ihm als „anger translator“ die ganze heimliche Wut zum Ausdruck bringt, die sich hinter der beherrschten Fassade verbirgt. Seit 2008 hat Peele die Präsidentschaft Obamas satirisch begleitet, nun zieht er mit „Get Out“ bitterböse Bilanz: die Fortschritte, die das Land in Sachen Integration gemacht hat, sind nur oberflächlich.

Eine Angelegenheit der weißen, liberalen Elite

Mit der ambivalenten politischen Botschaft seines Films geht Jordan Peele aber nicht Hausieren. In erster Linie ist „Get Out“ eine höchst vergnügliche Horrorkomödie, die im Detail vor Intelligenz nur so strotzt, und die auch mit einigen tollen schauspielerischen Leistungen aufwartet. Zuvorderst gilt das für Daniel Kaluuya in der Hauptrolle und für den Komiker Lilrel Howery in der Nebenrolle eines Airport-Security-Mannes, der mit seinen schlimmsten Vorurteilen immer richtig liegt. Die Rolle der Rose spielt Allison Williams, bekannt aus der Serie „Girls“, wo sie als Marnie das latent langweilige perfekte Mädchen gab. Bradley Whitford („The West Wing“) und Catherine Keener („Being John Malkovich“) sind die Eltern von Rose. Tief im Innersten der schrecklichen Geheimnisse der Familie Armitage taucht dann noch ein Darsteller auf, der tief in einem ganz anderen, weißen Amerika verwurzelt ist: Richard Herd, der mit Mr. Wilhelm eine der unvergesslichen Nebenfiguren in der New York-Sitcom „Seinfeld“ verkörperte.

Lange Zeit war der Komödienboom, den Hollywood seit Mitte der 1990er Jahre zu verzeichnen hatte, vor allem eine Angelegenheit der weißen, liberalen Elite. Leute wie Judd Apatow, Seth Rogen oder Adam Sandler prägten das Bild, während afroamerikanische Stars wie Chris Rock selten allein die große Bühne bekamen. Mit Jordan Peele gibt sich nun ein herausragendes Talent zu erkennen. „Get Out“ ist zwar ein Stück schneller Unterhaltung, mit dem noch schnelleres Geld gemacht werden soll. Doch von diesem Understatement soll man sich nicht täuschen lassen: Hier ist der amerikanische Traum von einem Kino lebendig, das kommerziell und relevant zugleich ist und in dem Politik eine Folge radikalen Denkens ist.

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