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Filmkritik : Zwei Stunden Katharsis für alle

  • -Aktualisiert am

Film-Kritik: Nicolas Cage in "World Trade Center" Bild: Paramount Pictures

Keine Angst, Leute, hier wird keine Verschwörung aufgedeckt: Oliver Stone hat mit „World Trade Center“ eine Heldengeschichte rund um den 11. September gedreht, die sogar dem konservativen Amerika gefällt.

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          Keine Bange, es drohen keine Überraschungen. Schon gar keine bösen. Das ist die Garantie, mit der jede Eintrittskarte verkauft wird, wenn Oliver Stones „World Trade Center“ diese Woche in die amerikanischen Kinos kommt. Der beträchtliche Medienrummel kommt schon in der Vorgeplänkelphase mit einer Marketingwucht daher, wie sie sonst nur für sommerleichte Blockbuster aufgeboten wird. Im Kern besteht er aus einer einzigen, eingängigen Botschaft: Keine Angst, Leute, hier wird keine Verschwörung aufgedeckt, keine nationalkritische Recherche betrieben und keinem Politiker oder, Gott bewahre, Präsidenten am Zeug geflickt, nein, hier wird nur eine bewegende, ungeheuer dramatische und, vor allem, eine absolut unpolitische Geschichte erzählt.

          Selbst bei der New Yorker Galapremiere vor handverlesener Prominenz, die den beiden Protagonisten der Geschichte, zwei Helden direkt aus dem Volk, zu huldigen bestellt war, raste der Regisseur von Mikrofon zu Mikrofon, um zu beteuern, daß diesmal alles anders sei. Oliver Stone, es läßt sich nicht länger leugnen, will einfach keinen Oliver-Stone-Film gedreht haben. Im Gegensatz zum alten Stone soll der neue brav und dokumentarisch korrekt sein. Er beteuert, er habe lediglich nacherzählt, was ihm zwei Cops berichteten, die unter den Trümmern des World Trade Center verschüttet und in atemraubenden oder, wie es nun immer wieder heißt, heroischen Rettungsaktionen geborgen wurden. So ward Stone zum getreuen Chronisten.

          Erst gegen Kerry, nun für Stone

          Derweil unterließ seine Verleihfirma Paramount Pictures nichts, den Film auch Kreisen schmackhaft zu machen, die bisher Stone als Prototyp des verachtenswerten Hollywoodliberalen schmähten. In einem Coup, der nicht unwiederholt bleiben mag, wurde eine Marketingfirma verpflichtet, die sich im letzten Präsidentschaftswahlkampf damit hervortat, den Vietnam-Veteranen John Kerry so derb wie gewissenlos durch den historischen Dreck zu ziehen, und danach, unter dem Applaus eines Kunden wie der rückwärtsgewandten „Christian Coalition“, zwei Idole des konservativen Amerika in den Obersten Gerichtshof der Nation lotste.

          Dieses Unternehmen mit Namen „Creative Response Concepts“ achtete darauf, daß Vertreter rechtslastiger Vereine und Medien den Film im voraus sehen und folglich die Wandlung des Renegaten bezeugen konnten. Die Wirkung war durchschlagend. Befand die „Washington Times“ noch im vergangenen Jahr, Stone sei eine „maliziös inspirierte Wahl“ für „World Trade Center“, war kürzlich auf der Website der nicht minder konservativen „National Review“ zu lesen: „Gott segne Oliver Stone.“ L. Brent Bozell III, der für gleich zwei Organisationen Druck aus der rechten Ecke macht, nannte den Film ein „Meisterwerk“ und ließ dies Hunderttausende per E-Mail wissen. Sein Geistesbruder Cal Thomas, verläßlich als Ideologe wie als Kommentator, geriet förmlich ins Rhapsodieren über den „größten Pro-Amerika-, Pro-Familie-, Pro-Männlichkeit-, Pro-Flagge-Film, den Sie je sehen werden“.

          Selbstverleugnender Gehorsam

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