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Video-Filmkritik zu „Es“ : Außenseiter beißen das Böse

Bild: dpa

Hilfe, der Clown mit viel zu vielen Zähnen ist wieder da: Stephen Kings „Es“ mordet im Kino die Wehrlosen, bis ihm ein paar mutige Kinder entgegentreten.

          Wenn ein Bordsteinbächlein bei Regen zum reißenden Strom wird, hat das Filmhandwerk die Kinderperspektive verstanden. Der Film „It“ des argentinischen Regisseurs Andrés „Andy“ Muschietti nach Stephen Kings gleichnamigem Roman von 1986 geht leise los, dreht wildwasserschäumend auf und teilt dann mal flüsternd, mal kreischend viel Wahres über kleine Menschen mit.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn ein Unhold einem Kind auf der Leinwand Gliedmaßen aus den Gelenken rupft, sind auch Erwachsene entsetzt, weil sie heimlich wissen, es könnte Rache für eine Sorte Grausamkeit sein, zu der Kinder ohne weiteres fähig sind, vorausgesetzt, das Opfer ist schwach genug (Insekten fürchten Kinder). Das Entsetzen rührt hier daher, dass eine typische Erwachsenenausrede zerstört wird: Wir mussten so stumpf werden, wie wir nach der Pubertät meistens sind, waren als Kinder aber unschuldig und wurden leider von Älteren in Förmchen gezwängt, die uns verkrümmt und verdreht haben. Stimmt schon, ein bisschen wenigstens, aber unbearbeitet wären wir schlimmer, vielleicht sogar wie der Clown Pennywise im Film, das real-allgemeine Gesamtkind jenseits der Erziehbarkeit: Es will nur spielen, und wenn die anderen lachen, fühlt es sich ebenso bestätigt wie dann, wenn sie vor Angst schreien, Hauptsache, es steht im Mittelpunkt.

          Von der Mutter auf Hypochondrie dressiert

          Die Kinder, die dieses Monster in „It“ jagt, leben in Derry, einer Kleinstadt in Maine, in der sechsmal so viele Kinder wie im Bundesdurchschnitt der Vereinigten Staaten verschwinden oder brutal zu Tode kommen. Raubtiere jagen in der Natur bekanntlich am liebsten lahme, kranke oder anderweitig abgehängte Herdentiere, und auch die kleinen Gefährdeten in „It“ sind randständig: Einer stottert, einer hat ein unbeherrschtes Mundwerk, einer ist Jude, einer übergewichtig, einer schwarz, einen hat seine Mutter auf Hypochondrie dressiert, um ihn leichter bevormunden zu können, und das einzige Mädchen im Kreis lebt allein mit dem schmierig-zudringlichen Vater.

          Diese Beverly Marsh führt und hält die Gruppe der Außenseiter, um die es geht, mit Mut, Güte und Verstand zusammen; besser als mit Sophia Lillis hätte man den Part nicht besetzen können, rauchend, verträumt, ernst, witzig, mit Schlüsselkette um den Hals. Das Böse hätte eigentlich gleich wissen müssen, dass diese junge Frau sich nicht beißen lässt, ohne herzhaft zurückzubeißen.

          Der Rest des halbwüchsigen Ensembles spielt allerdings genauso gut, besonders Jaeden Lieberher als stotternder Bill Denbrough, nicht minder besonders Jeremy Ray Taylor als der massige Ben Hanscom mit der Dichterseele, der für Beverly ein Haiku schreibt, das den Film (wie schon den Roman) mit dem verwunschenen Duft der ersten Liebe segnet. Auch der Killerclown kann sich sehen und hören lassen – Bill Skarsgård gluckst und kichert, mit Sabberfäden am Kinn, so vollkommen irr, dass selbst sein Kollege Krusty von den Simpsons Reißaus nähme. Die Kamera, die diese geschminkte Hackfresse und ihre Taten zeigt, rennt ihr hinterher oder flieht, wie’s gerade am besten ist, stürzt in Löcher, springt über Gräben und kann sogar zusammenzucken, wo das gefordert ist. Die Kulissen und Requisiten zwischen Kanalisation, Spukhaus und Schulkorridor sind unaufdringlich perfekt, auch der Musikeinsatz von Popsongs aus der Zeit, da der Film spielt, macht alles richtig – als King das Buch schrieb, hieß sein Land der Kindheit Rock’n’Roll, der Film hat sich dagegen für die Achtziger entschieden, für „Love Removal Machine“ von The Cult, für „Antisocial“ in der Anthrax-Version – ja, passt. Als die Kinder ein blutiges Bad saubermachen, hören wir nicht nur „Six Different Ways“ von The Cure, sondern dieses schöne Stück weitet sich genau in dem Moment ins Ozeanisch-

          Orchestrale, als ein verliebter Teenager seinen ersten Blick ins Zimmer der Geliebten werfen darf – passt noch besser.

          Krachendes Ende – aber zusammengeschoben

          Im Roman ist die Kindergeschichte mit einer Erwachsenenhandlung verschränkt wie Zähne beim Reißverschluss; hier jedoch hat man den späteren Plot weggelassen, eine Fortsetzung wird es wohl geben. Auch von ihr darf man erhoffen, was diesen Film auszeichnet: die Evokation der für Kings Werk konstitutiven Stimmung, die davon handelt, dass Furcht das Mittel des Schicksals ist, Heldinnen und Helden des Alltags unter Druck zu setzen, bis sie lernen, sich gegen die Verdunkelung ihrer besten Anlagen zur Wehr zu setzen.

          Das Ende des Films kracht genregerecht, wirkt aber ein bisschen zusammengeschoben; von der Hälfte des Romans, die allenfalls in so ein Spielfilmformat passt, bleibt schließlich nur ein Drittel übrig. Aber es ist das richtige Drittel. Andy Muschietti liefert mit „It“, was J.J. Abrams mit „Super 8“ (2011) noch um Haaresbreite verfehlt hat – den besten Achtziger-Jahre-Steven-Spielberg-Film, der weder von Spielberg noch aus den Achtzigern stammt.

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