https://www.faz.net/-gs6-8iicw

Videokritik „The Neon Demon“ : Rot wie Blut, aber nicht ganz so gut

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., Koch Film

Nicholas Winding Refns Kino-Thriller „The Neon Demon“ ist sehr schlimm und wird immer schlimmer. Ein schön scheußliches Märchen, das von Herzen kommt.

          4 Min.

          Auf dem Papier, also im Drehbuch, ist es die potentiell ekelhafteste Szene, im fertigen Film dafür die interessanteste: Eine Frau, deren Liebesverlangen nach einer anderen Frau von dieser abgewiesen wurde, vergeht sich in der Leichenhalle an einer Toten. Sie steigt auf den Körper, der nicht atmet, schmiegt sich an kein Herz. Dann zeigt der Film, dass die Küsse einsamer Menschen, die bei den Lebenden keine Liebe mehr finden, nicht immer trocken sind, dass Berührungen den Respekt vor der Schutzlosigkeit eines Körpers vergessen können, der sich nicht wehren kann. Beim Anblick des ebenso Schamlosen wie Grauenhaften regt sich Mitleid, aber bizarrerweise als eine Art Angst; man fragt sich: Wie schlimm wird das noch, was in „The Neon Demon“ Menschen tun, die nicht lieben dürfen oder können, aber von Schönheit umzingelt sind?

          Es wird sehr schlimm und immer schlimmer. Es wird sogar ziemlich frauenfeindlich, unter anderem, und der Regisseur Nicholas Winding Refn rutscht mehrfach aus auf den abgekautesten Klischees über frustrierte quasilesbische Narzisstinnen, fängt sich dann aber immer wieder und geht jedenfalls nicht krachend zu Boden wie Brian De Palma mit seinem in mancherlei Hinsicht vergleichbaren Psycho-Blödsinn „Passion“ von 2012.

          Dinge, die den Körper sprachlos machen

          Was soll, was will, was ist „The Neon Demon“ eigentlich? Zunächst mal ein schön scheußliches Märchen: Elle Fanning, die hier Jesse heißt, aber auch Ascheröschen oder Schneeputtel heißen könnte, will Model werden, begegnet aber statt einem Prinzen auf dem Laufsteg nur einer geometrischen Leuchtkonfiguration aus der Hölle, der Retro-Achtziger-Disco-Version von Stanley Kubricks schwarzem Monolithen aus „2001 - A Space Odyssey“ (1968), verliert dabei ihre Seele und wird zum Schluss von drei Hexen in der Villa zur ausgestopften Wintereule einem wüsten Ende zugeführt.

          Es geht um Dinge, die den Körper sprachlos machen, Eindrücke, die stärker sind als Wörter, und die Berührung der Extreme des Schönen und Häßlichen. Am Anfang zeigt Refn uns Blut, von dem wir sofort erfahren, dass es künstlich ist, am Ende zeigt er uns mehr Blut, an das wir dann aber glauben sollen. Die Regie nimmt sich in dem Sinne zurück, in dem man das auch von einem geduldigen Spanner sagen kann, der vor einem fremden Schlafzimmer in einer hohen Baumkrone hockt. Männer gibt’s hier nur in der Peripherie und als Auslöser kleinerer Eskalationen - Desmond Harrington als Fotograf mit Säge statt Kruzifix am Halskettchen kann nichts außer Lauern, Keanu Reeves als Motelmanager ist schmierig genug, dass er nur mit seinen Blicken einen kompletten Lastwagenmotor ölen könnte. Der Gesamteindruck, den „The Neon Demon“ hinterlässt, ist nicht ungünstig, aber zwiespältig, Refn hat sich wie in allen seinen Filmen selbst herausgefordert, ja verprügelt, und kommt sozusagen mit einem ausreichend attraktiven blauen Auge davon.

          Eiskalt und liebevoll

          Einige Bilder sind zwingend wie ein Schaufenster an der Einkaufsstraße in der Vorhölle, andere unnütz überstilisiert, manche Dialoge streifen klassische Noir-Konzision („Am I staring?“), andere sind fehl am Platz („Honey, people believe what they are told“, das glaubt man höchstens Joan Crawford, aber doch keiner halbwachen Puppe), und dass Refn versucht hat, eine sowohl zeitgemäße wie hollywoodkompatible Sprache für das zu finden, was das italienische

          „Giallo“-Schmutzkrimi-Genre groß gemacht hat, ist als Forschungsprogramm jeden Respekt wert, auch wenn dabei eben kein so durchschlagender Hit rausgekommen ist wie bei der ebenfalls auf eine Hochzeit von Gewalt und Eleganz hin angelegten bisherigen Refn-Bestleistung „Drive“ (2011).

          Man kann einiges in „The Neon Demon“ nicht anders nennen als mit dem paradoxen Adjektivpärchen „eiskalt liebevoll“, etwa den Moment, da der Film verstummt und das Licht ausgeht, woraufhin die Musik einsetzt wie der Atem des von den Toten auferweckten Lazarus: sehr gut. Oder die Stelle, an der die traumverlorene Heldin hoch über der Nachtstadt und ihren Lichtern den Mond beschwört, weil der wie ein großes Auge aussieht: „Do you see me?“

          Überlässt man sich, von solchen Treffern charmiert, ein Weilchen dem Anschwellen und Abklingen der Erregungskurven, aus denen Refn diesen Film geflochten hat, seinen Rausch-und-Ruhe-Rhythmen, wird man aber leider früher oder später immer wieder aus dem Traum geschmissen davon, wie obsessiv, ja zwanghaft genau hier alles zurechtgesteckt und festgezurrt ist. Die Kraftanstrengung, mit der jemand hier den garstigsten und zugleich leckersten Film über die Geschwisterliebe von Schönheit und Abscheulichkeit machen wollte, beeindruckt zwar als Kunstmühe, erschöpft dann aber auch alle Mittel, die sie auffährt.

          Wie hässlich ist Schönheit?

          Vielleicht hätte Refn entspannter arbeiten sollen, beruhigt von dem Wissen, dass er den besten, kaputtesten, verrücktesten Film zu seinem Thema sowieso nicht würde machen können, weil es den schon gibt, nämlich Dario Argentos „La sindrome di Stendhal“ (1996). Schon atmosphärisch-klanglich hatten die Synthesizer-Häkeldeckchen, mit denen Cliff Martinez „The Neon Demon“ auskleidet, nie die geringste Chance gegen die herrliche Ennio-Morricone-Sauce, in der Argento seinen Film gekocht hat, und dass die Hauptdarstellerin des Italieners, nämlich seine begnadete Tochter Asia, auch von Männern und Frauen schön gefunden werden kann, die nicht der Meinung sind, dass der Höhepunkt weiblicher erotischer Attraktivität kurz vor dem Verlust der letzten Spuren überforderter Kindlichkeit liegt, ist auch kein Schaden.

          Vor allem aber hat Argento, den auch seine hingebungsvollsten Fans in akademisch-linken Kreisen nicht mit einem Feministen verwechseln würden, die immanente Misogynie des frauenfressenden Genres dazu genutzt, die Frage „Wie hässlich ist Schönheit?“ mitten auf der Kreuzung zwischen Männerrolle und Frauenrolle, Kunst und Natur und drei Dutzend anderen schmerzhaften Gegensatzpaaren zu stellen, statt sich wie Refn von Softporno-Glanzpapier-Modestrecken vorschreiben zu lassen, wie grell er die Küsse zwischen Sex und Tod inszenieren darf.

          Immerhin: „Schlechter als Argento“ ist bei „The Neon Demon“ immer noch gut genug für ein Ziehen in der Brust, das, soviel muss man Refn lassen, wahrscheinlich von Herzen kommt.

          Weitere Themen

          Der Hort der Filmkultur

          50 Jahre Kommunales Kino : Der Hort der Filmkultur

          Hilmar Hoffmanns Traum und Vorbild für einen ganzen Kulturzweig: Das Kommunale Kino Frankfurt ist vor 50 Jahren eröffnet worden. Der Gründungsboom nach dem „Frankfurter Urteil“ hatte 150 Kommunale Kinos zur Folge.

          Topmeldungen

          Je schräger, desto besser: Beim Großen Zapfenstreich müssen es schon ganz besondere Lieder sein.

          Fraktur : Welch wunderbarer Hintersinn

          Auch bei der Auswahl der Musik für den Großen Zapfenstreich hat Merkel noch einmal alles richtig gemacht. Zum Glück bat sie nicht um den Ritt der Walküren.
          Geringes Risiko und eine ruhige Hand: Der ehemalige Banker Tim Grüger, Gründer und CEO der Daytrading-Plattform Tradingfreaks.

          Day-Trader Grüger im Porträt : Der disziplinierte Rendite-Jäger

          Tim Grüger arbeitet als Day-Trader und bildet Leute aus, die es an die Börse zieht. Wir sprachen mit dem Experten darüber, was sich auf dem Aktienmarkt wirklich auszahlt: Wie investiert er? Und kann man den Markt nachhaltig schlagen?