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Video-Filmkritik „Blade Runner“ : Ohne Seele geht’s auch

Bild: AP

Manche Filme brauchen keine Fortsetzung. „Blade Runner“ von Ridley Scott war solch ein Film. Jetzt ist die Fortsetzung trotzdem da: „Blade Runner 2049“ von Denis Villeneuve. Ein Film zum Staunen.

          Die Tränen sind echt. Die Trauer ist wirklich. Die Liebe braucht enorme Willenskraft in einer Welt, die unter Regen, Schnee und Smog ihre Konturen eingebüßt hat und grau aussieht, mit ein paar Sprenkeln Schwarz darin. Soweit die Welt Los Angeles heißt. In Las Vegas, über das offenbar vor langem schon ein radioaktiver Sturm hinwegfegte, der zahlreiche Gebäude zum Einsturz brachte, ist die Welt giftig gelbrot. In einem einst prächtigen Hotel, das dem Sturm trotzte, treffen wir einen alten Bekannten wieder. Er hat einen Hund, jede Menge Whiskey und das dringende Bedürfnis nach einem Stück Käse.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Kubrick. Natürlich muss ein Film, der ein Stück Geschichte des Science-Fiction- Kinos weiterschreibt, sich vor Stanley Kubrick verbeugen. Denis Villeneuve tut das in „Blade Runner 2049“ mit einer unverschämten Grazie. Nicht „2001“ holt er in diesem Vegas-Setting ins Bewusstsein des Zuschauers, sondern „The Shining“. Die langen Gänge. Den Flügel. Die leere Bar.

          Zu diesem Zeitpunkt ist „Blade Runner 2049“ schon zu einem guten Teil vorbei. Die Fragen liegen auf dem Tisch. Was unterscheidet die Menschen von den Maschinen? Von den Maschinen, die inzwischen aussehen wie sie, die bluten wie sie, auch wenn ihre Wunden schneller heilen, die sterben wie sie, auch wenn es länger dauert, und die sich an ihren, der Menschen, Erinnerungen, die ihnen implantiert wurden, festhalten, wenn sie innerlich verlorenzugehen drohen?

          Sie unterscheidet, dass die einen befehlen und programmieren, was die anderen tun müssen. Dass die einen es für Ordnung halten, wenn die anderen ihre Sklaven sind. Und sie unterscheidet, dass die einen nur noch Angst um ihre Macht haben, während die anderen davon träumen, endlich Mensch zu sein. Geboren, nicht gemacht.

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          „Blade Runner 2049“ erzählt von diesen einen und den anderen. Davon, was menschlich sein bedeutet und dass es dafür weder Vater noch Mutter braucht, aber die Sehnsucht danach, einmal Kind gewesen zu sein. „Blade Runner 2049“, mit anderen Worten, hält die Grenzen fließend zwischen Menschen und Maschinen, die hier wie in dem Vorgängerfilm von Ridley Scott Replikanten heißen. In der Welt dieses Films ist ein Mensch nur eine biologische Entität, und die biologischen Menschen sind die, mit denen wir als Zuschauer am wenigsten zu schaffen haben wollen.

          Was braucht es zur Menschlichkeit?

          Wir lernen auch nicht viele von ihnen kennen. Eine ist Leutnant Joshi, genannt „Madam“, hart und eisig mit nur in kurzen Augenblicken leicht angetauten Rändern von Robin Wright gespielt. Sie ist Chefin der LAPD und damit direkt dem Blade Runner K vorgesetzt. K ist der Anfangsbuchstabe seiner Seriennummer. Ryan Gosling spielt ihn – eine geniale Besetzung, die von dem Anflug von Leere profitiert, die Gosling seinen Rollen immer gibt, eine Leere, von der seine Figuren wissen und von der nicht immer klar ist, was sie bedeutet: Verlust? Defekt? Madam sagt ihm zweierlei. Zum einen, dass er bisher ganz gut ohne Seele ausgekommen sei. Und zum anderen, dass alle, also auch sie, auf der Suche nach etwas seien, das wirklich ist. Ihre Vorstellung von „wirklich“ führt sie zu dem irrigen Schluss, die Mauer zwischen Menschen und Maschinen müsse unumstößlich bleiben, koste es, was es wolle.

          Menschlichkeit, um die es hier geht, braucht mehr als biologische oder künstliche Gene. Sie braucht den Wunsch nach Transzendenz. Sie braucht den Blick auf die Welt, der ein kümmerliches Blümchen in einem Feld aus Asche für ein Zeichen von Hoffnung hält. Und in ein paar Schneeflocken auf der Haut die Schönheit der Erde erkennt. Es gibt in diesem Film keinen biologischen Menschen, auf den eines dieser Dinge zutrifft.

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