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Video-Filmkritik „High Life“ : Ein letztes Bild vom Schwarzen Loch

Bild: F.A.Z., Pandora

Der Weltraum ist zu groß, das Innere des Raumschiffs zu klein, und trotzdem finden die Menschen im Film „High Life“ schreckliche Wahrheiten über Lust und Gewalt heraus.

          Einige Fußtritte, zahlreiche Fausthiebe, grausige Narben auf einem schönen nackten Bauch, viel Schamhaar, noch mehr Sex: Der Film „High Life“ greift sich die Körper rücksichtslos, wo und wie er kann.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Das tut er allerdings in Notwehr, nämlich nur, damit seine genuin philosophisch gedachte und gemachte Erzählarbeit nicht zu einer Folge von leblosen Lehrtafeln erstarrt, die bloß abstrakte Behauptungen illustrieren sollen, um die der Film ja buchstäblich kreist.

          Einige solcher Lehrbilder gibt es trotzdem, die in einem Tutorial über Astrophysik nicht fehl am Platz wären, und sie sind, den ehrfurchtgebietenden und für unsere Intuitionen verschlossenen Gegenständen gemäß, tatsächlich von Wünschen und Ängsten weder zu erreichen noch zu bewegen. Aber diese auratische Starre wird in „High Life“ immer wieder herumgestoßen und oft gesprengt von sehr großer Bewegung, die mehr ist als emotionales Ergriffensein, nämlich eine Anrufung der Neugier, die über jede subjektive Herzensregung hinausweist: Schau nur, armes Menschenauge, wie schwarz und leer der Weltraum ist und wie eng die Kabine im Raumschiff!

          Die Phantasie hier ist irre, aber sachlich korrekt

          Am Anfang kann man den Film sehr leicht missverstehen: Etwas, das ein Astronaut, der außen an einer Raumschiffshülle arbeitet, fallen lässt, stürzt geradewegs „nach unten“, ist das nicht verkehrt? Welches Inertialsystem wird hier wie beobachtet? Im Schiffsinnern selbst scheint ebenfalls normale, erdgewöhnliche Schwerkraft zu herrschen; was man fallen lässt, geht zu Boden. Später verschwinden dann auch die Leichen der Besatzung, sobald jemand sie aus der Luke wirft, konventionell „abwärts“, und so mag man, weil das alles im Leerraum und im freien Fall ja ziemlich falsch wäre, schnell meinen, dass sich die Regisseurin Claire Denis für Wissenschaft und Technik nur als Staffage interessiert, als Fundus für faszinierende Dekorationen.

          Dann aber erklärt wie beiläufig jemand, dass das Schiff niemals ein Geschwindigkeitsplateau erreicht, auf dem sein Flug ins Gleichförmige geriete, sondern ununterbrochen beschleunigt, und also ist das, was „abwärts“ in ihm herab- oder von ihm abfällt, hier offenbar sachlich korrekt gefilmt. Bald wird somit klar, dass Denis die kalten Gleichungen, die draußen im Kosmos gelten („dehors“), mindestens so ernst nimmt wie die heißen Rangkämpfe in dem Knast, den sich die Menschen da als Fortbewegungsmittel selbst gebaut haben („dedans“).

          Das Ganze ist ein Selbstmordkommando: Man will herausfinden, ob ein rotierendes Schwarzes Loch sich, wie die Theorie sagt, als Kraftwerk eignet. Das tut es, sofern die Rotationsenergie dieses kollabierten Sterns nicht innerhalb des Ereignishorizontes zu finden ist, aus dessen Bannkreis nichts, das hineinstürzt, jemals wieder entkommt, sondern innerhalb einer kugelförmigen Raumzeitregion namens Ergosphäre, die alle in ihr befindlichen Dinge in grotesker Weltverzerrung mitschleift.Die Theorie dazu gibt es tatsächlich, Stichwort „Penrose-Prozess“; bei Claire Denis aber wird daraus ein poetisch exaktes Sinnbild, dem sich auch das Treiben der von Juliette Binoche gespielten Bordärztin anschmiegen muss, wenn sie Fruchtbarkeitsexperimente und dazu Mensch-Maschine-Schnittstellenproben veranstaltet, die (vor allem ihre) Lust von der Fortpflanzung trennen sollen. Die Juxtaposition von einerseits Penrose-Prozess und andererseits biologischer Reproduktionsforschung ist ein wahrhaft dämonischer Kontrapunkt, der eine Höllenfrage stellt: Wie weit kann man sich den (interstellaren wie keimbahnbestimmenden) Elementargewalten nähern, um Nutzen herauszuziehen, bevor man von ihnen aufgefressen wird?

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