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Video-Filmkritik „High Life“ : Ein letztes Bild vom Schwarzen Loch

Sie legt direkt Hand an dabei, wie man aus Interviews mit ihr weiß, sie korrigiert Gesten und Haltungen des Ensembles nicht nur mit Worten, sondern mit Berührungen, formt sie wie eine Töpferin oder Bildhauerin, nicht wie eine Autorin. Das Ergebnis sind fließende Filme, aber keine sämigen. Nie trübt Kitsch ihr Beobachterinnenbewusstsein, auch monochromatische Szenen sind keine sentimentale Reizgleichmacherei, wenn phasenweise alles blau ist, dann wie im medizinischen Kontrastmittelbild, und das schon in „Trouble Every Day“ benutzte spezielle Dämmerorange, das Denis einsetzt, um gewisse Unterschiede zwischen sichtbaren Beweisstücken ihrer unsichtbaren Filmbehauptungen zum Verschwinden zu bringen, tut das nicht, damit man die Orientierung verliert, sondern damit man sich fragt, ob jene Unterschiede überhaupt so wichtig sind, wie man sie auf bunteren Bildern nehmen würde (in „Trouble“ weiß man an einer Stelle, an der dieses besondere Orange eine Szene tränkt, nicht mehr, ob an auf freiem Feld sich neigenden Halmen Blut heruntertropft, ob das nicht doch Öl ist, oder Tau, oder etwas ganz anderes, und fragt sich unwillkürlich, warum man das eigentlich wissen muss, das Monster, das die Tropfen hinterlassen hat, interessiert es doch auch nicht).

Extrem, aber immer glasklar

Nicht nur das gelenkte Licht, auch die Musik spricht in dieser mehrwertigen filmischen Gegenvernunft ihre klarstmögliche Sprache: Wie bei „Trouble Every Day“ verlässt sich Denis bei „High Life“ auf Stuart A. Staples und seine Tindersticks, auf Atmosphäre ohne Schmierrückstände also. Die dazu passende Klarheit der Bildfolgen war schon bei „Trouble“ atemberaubend, einer Horrorparabel über die neuro-endokrinologischen Fallen von Lust und Hunger. Die Gummihandschuhe, die in jenem Film ein Gehirn auf dem Seziertisch zerschneiden, sind emblematische Requisiten der von Denis kultivierten Ästhetik im Zeichen der Losung „Von Rausch und Schrecken soll man nur nüchtern sprechen“. Dieser Ansatz verträgt sich dabei durchaus mit dem okkulten Erzählinstrument „Vorahnung“, sofern es nur wach genug geführt wird – in „Trouble“ küsst Gallo schon am Anfang ein Handgelenk so, dass er als Menschenfresser erkennbar wird, und in „Beau soleil“ hören wir den Etta-James-Song, der auf dem Filmhöhepunkt Binoche und ihren Tänzer zusammenführt, lange vorher als Barjazz.

Momente schauen da wie durch ein klares Fenster auf ihre absehbaren Konsequenzen, wie die Brautleute in „Trouble“ aus dem Flugzeug auf die Lichtgeometrie von Paris hinuntergucken oder die Verdammten im „High Life“-Raumschiff empor zum fernen Ziel ihres Fluges.

Das Schöne und das Wahre, die beiden möglichen Fluchtpunkte nach oben, sind bei Claire Denis indes verschieden, getrennt, womöglich unversöhnlich: Die Forschung will diese Welt entdecken, die Kunst jedoch will sie in sich aufnehmen, sich anverwandeln, und beides gleichzeitig, stipuliert diese Geschichte, geht nicht. Wissenschaft sucht das erste Bild vom Schwarzen Loch, Kunst sucht das letzte. Zwischen diesen beiden findet ein Duell statt, irgendwo im von einem längst vergessenen Urknall her strahlenden Hintergrund von „High Life“. Welcher von beiden Instanzen gehört die Lust, welcher der schlimme Schaden? Gibt die Klügere nach? Viel besser, viel grausamer: Die Stärkere gewinnt.

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