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Video-Filmkritik „High Life“ : Ein letztes Bild vom Schwarzen Loch

Schöne Menschen, schlimme Taten

Festhalten kann und soll sich der Publikumsblick im relativistischen Taumel von „High Life“ vor allem an Pattinson, dessen asketische Züge und blasse, gespannte Haut behaupten: „Innerlich auf ihrem Gemüt herumkauende Männer sind sexy.“ Das lehrt Denis ja schon seit längerem – Vincent Gallo verkörpert dasselbe Prinzip in „Trouble Every Day“ (2001) ebenso anziehend wie der aus seinem ländlichen Seelenleben erst verschlafen ins Bild und dann tödlich verwundet wieder hinaus tanzende Paul Blain in „Un beau soleil intérieur“ (2017).

„Der schöne Mann“ verstellt Claire Denis freilich nie die Perspektive auf „die schöne Frau“; in „High Life“ untersucht sie besonders neugierig Mia Goth, die im Raumanzug beim Rückwärtsfallen mindestens so malerisch entrückt aussieht wie das Mädchen, das in „Nénette et Boni“ (1996) eingangs selbstvergessen im Wasser treibt, bis sich sein loses Haar ums Haupt verflüssigt.

Die Schönheit der gezeigten Menschen wird von Denis in die Hässlichkeit ihrer Handlungen eingespeist wie Treibstoff in einen Fusionsreaktor, und sie vergisst über den Gewalt- und anderen Verhältnissen zwischen Männern und Frauen, in denen auch Mehrdeutigkeit (was ist Betrug, was ist Verführung?) ihren Platz hat, die anderen, von der Erde wie schlechte Charakterdispositionen mitgebrachten Konstellationen nicht, weder arbeitsteilungshierarchische (hat der Captain mehr zu sagen als die Leitstelle daheim, und was ist, wenn eine dieser Instanzen, oder beide, defekt sind?) noch über Kategorien wie „Ethnie“ oder „Rasse“sortierte. Die verschiedenen Arten der Missachtung und Misshandlung sind wie im irdischen Elend ineinander geschachtelt, miteinander verklammert oder gegeneinander verkeilt, aber die theatralen Anordnungen der Kreise, welche die Figuren ziehen, sind trotzdem nicht zu kompliziert, um sie im Auge zu behalten und im Herzen abzuwägen.

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Das ist ein filmübergreifendes Gesamtverfahren bei Claire Denis – der schlechteste Liebhaber in „Un beau soleil“ ist zugleich wirtschaftlich ein Erpresser, politisch ein Idiot, der über Diktatur witzelt, wenn die Frau auch mal ein Bedürfnis artikuliert, und fast könnte man ihn eine Schablone nennen, wie auch einige der menschgewordenen Storyziffern in „High Life“, aber dann wieder akzeptiert man doch, dass die Regisseurin die Probleme, die Leute einander machen, so eindeutig und untereinander leicht beschreibbar abhängig zeichnet, denn da sie trotzdem keine simplen Lösungen oder Auswege anbietet, fühlt man sich eben auch nicht belehrt oder bepredigt.

Die verschiedenen Flüche, mit denen die Menschen, die Claire Denis aufeinander loslässt, einander beschimpfen könnten, wenn ihre Haltungen in jedem Fall Sprache würden, klingen aneinander an wie im Stabreim, und der Sound dieser teilweise durch Schweigen hindurchinstrumentierten Ressentimentsymphonie ist, wenn nicht harmonisch, so doch ähnlich überschaubar wie einerseits im Absurden Theater und andererseits im Linken Lehrstück, die doch normalerweise auch als Gegensätze gehandelt werden. Dass sie hier einander die Waage halten, wie das eine freischwebende Konstruktion nie könnte, die auf der einen Seite funktionieren würde wie ein Drama von Arrabal und auf der anderen eins wie Brecht, liegt daran, dass die Konstruktion eben nicht frei schwebt, sondern permanent von der Regisseurin nachkontrolliert wird.

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