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Video-Filmkritik „High Life“ : Ein letztes Bild vom Schwarzen Loch

Der niedrigste Nutzen, den Menschen suchen, ist das Überleben, die beiden höchsten ihnen bekannten Gebrauchswerte dagegen sind Wahrheit und Schönheit. Das niedrige Leben wiederum ist dasjenige der Ausgestoßenen, das höchste führen die Genies und Heiligen. Zur ersten Gruppe gehören alle im „High Life“-Raumschiff Eingesperrten: Kriminelle, deren Strafe der Versuchskaninchenstatus ist. Juliette Binoche als Doktor Dibs zum Beispiel hat vor dem Abflug wohl Gatten- und Kindsmord begangen. Nach dem Automatensex ermahnt ihr Mithäftling Monte, den Robert Pattinson spielt, diese Ärztin, ihr täten die simulierten Intimitäten nicht gut. Sie erwidert, derlei sei besser für sie, als er wohl glaube – und setzt vieldeutig hinzu: „Je sais que je ressemble à une sorcière“, sie wisse, dass sie wie eine Hexe aussehe. Man mag das als französischen Satz zitieren, weil es so nachtblau-verruchter klingt als in jeder anderen Sprache; aber wenn man im Kino genau hinschaut, erkennt man, dass die Schauspielerin die Lippen anders bewegt; sie sagt: „I know I look like a witch“, die Szene muss englisch gedreht worden sein. Es passt: Hinter allen für „High Life“ gewissermaßen in Dauer-Neonflackerlicht gebadeten Stil-Anmutungen eines „typisch französischen“ Filmerzählgestus verbirgt sich internationales und zeitenübergreifendes Raumanzug-Kino auf Höchstniveau, also das jüngste Kind einer langen astronautischen Filmtradition zwischen der dänischen Pioniertat „Himmelskibet“ (1918), angloamerikanischen Klassikern wie „Destination Moon“ (1950) und „2001 – A Space Odyssey“ (1968) oder „Interstellar“ (2014) und italienischen oder japanischen Kuriositäten und Kostbarkeiten wie „Il pianeta degli uomini spenti“ (1961) oder „Hiso hiso boshi“ (2015). In der Hauptsache, dem Verständnis von Raum und Zeit und den durch sie vermittelten Randbedingungen für Soziales, hat „High Life“ am meisten gemein mit dem in dieser Aufzählung zuletzt  genannten Film, Sion Sonos still und liebevoll mit schwarzem Herzblut vergifteter Elegie auf den alten Expansionstraum „Die Menschheit besiedelt das All“, der sich in „Hiso hiso boshi“ als Selbstbetrug einer Spezies herausstellt, die zu etwas wie Gesellschaftsleben nur auf engem Raum in der Lage ist, obwohl ihr die von ihr erfundenen Kommunikationswerkzeuge und logistischen Einrichtungen ihr suggerieren, dass sich ihre Beziehungen grundsätzlich bis ins Unendliche skalieren ließen, dass sie also das Überall so gut erreichen kann wie die Vergangenheit erinnern und die Zukunft vorausplanen. Das kann sie nicht, weil sie es mit sich selbst nämlich nicht aushält – die interstellare Paketbotin in „Hiso hiso boshi“ findet am Ende heraus, was die Leute auf der „High Life“-Mission schon von Anfang an wissen, nämlich dass Menschen gleichermaßen versessen darauf sind, andere auszuschließen, wie darauf, andere einzuschließen, und das Manöver „wir schicken Leute dahin, wo noch nie jemand war“, ist einfach das endgültige Zusammenfallen dieser beiden Abschiebeverfahren, bei dem der Sinn für Soziales das erleben muss, was dem Gleichgewichtssinn passiert, wenn man im freien Fall anfängt, sich um sich selbst zu drehen.

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