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Video-Filmkritik „Deutschstunde“ : Das Thema Nolde konsequent ausgeblendet

Bild: F.A.Z.

Falsches Idyll: Christian Schwochows Verfilmung der „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz will den Roman vor seinen heutigen Lesern retten, indem er ihn an der entscheidenden Stelle fatal entschärft.

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          Vor zwei Wochen ging die Berliner Ausstellung „Emil Nolde – Eine deutsche Legende“ zu Ende. Mit hundertfünfzigtausend Besuchern war sie eine der erfolgreichsten dieses Jahres. Sie zeigte den Künstler Nolde und sein Werk in scharfem Kontrast: Hier die expressionistischen Bilder, dort die Briefe und Schriften eines überzeugten Antisemiten und Parteigenossen der Nazis, der seine Verstrickung nach Kriegsende systematisch vertuschte und vertuschen ließ. Eine der Quellen, die das belegten, war Werner Haftmanns Nolde-Biographie von 1958, von der Haftmann später bekannte, er habe darin jeden Hinweis auf Noldes braune Vergangenheit unterdrückt, „weil so etwas ja nichts mit dem Maler zu tun hat“. Haftmanns Buch wiederum lieferte das Vorbild für die Malerfigur im Zentrum jenes Romans von Siegfried Lenz, der 1968 erschien und zum Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur wurde: „Deutschstunde“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Jetzt kommt die „Deutschstunde“ ins Kino, zum ersten Mal wohlgemerkt, denn die zweiteilige Verfilmung von 1971, an die sich ein paar ältere Jahrgänge noch erinnern werden, lief nur im Fernsehen. Und schon mit den ersten Bildern ist klar, dass die Legende des Malers, an der Lenz mit seinem Bestseller gestrickt hat, in Christian Schwochows Film bruchlos fortgesetzt wird. Ein Klassenzimmer in einer Erziehungsanstalt, Anfang der fünfziger Jahre, an der Tafel steht das Aufsatzthema „Die Freuden der Pflicht“, doch der jugendliche Straftäter Siggi Jepsen weigert sich zu schreiben, er gibt ein leeres Blatt ab, kommt in eine Zelle, und dort, im Arrest, steigen die Bilder seiner Kriegskindheit in ihm auf. Da ist das Haus von Siggis Vater, des Dorfpolizisten von Rugbüll, und ein paar Steinwürfe weiter das Anwesen des Malers Max Ludwig Nansen, da sind die Deiche, Möwen, Schafe und Salzwiesen der Nordseeküste, und da ist der Brief aus Berlin, den der Polizist seinem Jugendfreund Nansen übergibt, der Brief, in dem die Reichskunstkammer dem Maler Max Ludwig Nansen Malverbot erteilt.

          Ein bisschen wie Kirchner und Beckmann

          Genau so steht es bei Lenz, und auch das, was der Film anschließend erzählt, in mal honigfarbenem, mal bläulich-kaltem Licht, gibt den Inhalt des Romans getreulich wieder, auch wenn Schwochows Mutter Heide, die Autorin des Drehbuchs, ein paar Nebenfiguren weggelassen und ein paar Handlungsstränge gekappt hat. Der Knabe Siggi bekommt von seinem Vater den Auftrag, das Malverbot zu überwachen, doch stattdessen deckt er Nansens Verstöße, und als der Maler Siggis älteren Bruder Klaas bei sich versteckt, der aus einem Wehrmachtslazarett abgehauen ist, werden die beiden endgültig zu Komplizen. Dann holt die Gestapo Nansen ab, und Siggi schwingt sich zum Hüter seiner Bilder auf, während er der väterlichen Kontrolle immer mehr entgleitet; als aber nach Kriegsende die Rollen sich umkehren und der Maler wieder im Licht, der Junge dagegen im Abseits steht, kann Siggi die Finger nicht von den Gemälden lassen, er stiehlt und vergräbt sie, bis ihm die Polizei auf die Schliche kommt.

          Wenn man will, kann man die Konsequenz, mit der dieser Film das Thema Nolde ausblendet, als Rettung des Romans vor seinen Lesern verstehen, und genau so redet es sich auch Schwochow zurecht. Das Buch schildere einen „großen archaischen Konflikt“, der durch den Verweis auf eine reale Künstlerbiographie nur „viel kleiner gemacht“ worden wäre. Deshalb haben Schwochow und seine Produktionsdesigner aus den Gemälden, die sie zeigen, jeden greifbaren Bezug zu Nolde getilgt. Der Maler Nansen malt ein bisschen wie Kirchner und Beckmann, aber auf seinem Dachboden stehen auch neusachliche Porträts und Landschaften. Nansens ästhetisches Profil bleibt ebenso vage wie seine politische Haltung.

          Die Zwangsläufigkeit eines Planspiels

          Aber diese Vagheit hat ihren Preis. Wie hoch er ist, zeigt schon der erste Auftritt von Tobias Moretti als Max Ludwig Nansen. Moretti steht vor Ulrich Noethen, der den Dorfpolizisten spielt, und sofort wird klar, dass diese beiden nichts miteinander gemein haben. Sie kommen aus verschiedenen Welten: Moretti, schwarzgelockt und schwermütig, ist eine Thomas-Mann-Figur, ein Tonio Kröger, ein Leverkühn, während Noethens Polizist aus dem Musterbuch des neudeutschen Kostümfilms stammt, dem Milieu von „Napola“ und „Babylon Berlin“. Seine Spießigkeit ist so echt wie ein Pechstein von Beltracchi; wenn er „Pflicht“ sagt, klingt es, als hätte er das Wort geübt. Moretti dagegen steigt zu den Gestapo-Leuten ins Auto wie ein Ertappter; undenkbar, dass er, wie es im Roman heißt, „nur zwei Jahre später als Adolf Hitler“ in die Nazipartei ein- und erst aus Enttäuschung über deren Kunstpolitik wieder ausgetreten ist.

          Der „archaische Konflikt“, von dem Schwochow spricht, fällt deshalb aus. Nansen und Jens Jepsen ringen nicht um die Seele des kleinen Siggi, sie spielen mit ihr bloß Pingpong. In dem Zweiteiler, den Peter Beauvais 1971 für den SFB drehte, wurden Jepsen und Nansen von Arno Assmann und Wolfgang Büttner gespielt, beide waren altdeutsche, emotional verholzte Männerbilder, in deren plattdeutsches Idyll der Brief aus Berlin wie eine Fliegerbombe einschlug. Bei Schwochow dagegen wird ihr Konflikt in eine Wesensdifferenz übersetzt, die ihn dramaturgisch entschärft, indem sie ihn optisch überhöht. Der eine ist von vornherein der Böse, der andere das Opfer. Was mit ihnen passiert, hat die Zwangsläufigkeit eines Planspiels. Der Motor der Geschichte springt nie an.

          Ein Film, der nicht zur Welt gekommen ist

          Um die Fehlzündung im Inneren der Erzählung zu kaschieren, blasen Heide und Christian Schwochow die Frauenfiguren auf. Jepsens Frau Gudrun (Sonja Richter), im Buch eine stramme Nazisse, ist eine frustrierte Schmerzensmadonna, Nansens Gattin Ditte (Johanna Wokalek) eine hysterische Diva, und Siggis Schwester Hilke (Maria Dragus) stiehlt ihrem Bruder mit ihrer auftrumpfenden Sinnlichkeit in jeder Szene die Schau. Gegen diese Gewichtsverlagerung ist wenig zu sagen, außer dass Lenz für die Frauen der Schwochows eben keinen Text geschrieben hat. So bleibt die Damengalerie bloße Dekoration, ein gefundenes Fressen für die Kamera, die hier ein subtiles Schlafzimmer-Stillleben, dort eine opernhafte Abschiedsszene malt, aber für den Gang des Geschehens ohne Belang.

          Zu sagen, dass der Film sich auf der Leinwand selbst zerlegt, wäre eine Übertreibung. Die Schönheit der Seelandschaft hält ihn zusammen, und Schwochow ist ein viel zu großer Profi, um die Story in dem Schlick aus Halbheiten und Scheinlösungen, den das Drehbuch anrührt, versinken zu lassen. Nur fragt man sich bis zum Schluss, wo die kaltschnäuzige Raffinesse bleibt, mit der er zuletzt in dem Sechsteiler „Bad Banks“ hinter die Spiegelscheiben des Bankensektors geschaut hat. In „Deutschstunde“ steckt ein Film, der nicht zur Welt gekommen ist, eine tragische Farce, die von den Verstrickungen des Alltagslebens im Nationalsozialismus erzählt, von braunen Malern, die dennoch „entartet“ waren, und braven Deutschen, die bis zur Selbstzerstörung ihre Pflicht taten. Die Zeit dafür, so scheint es, war trotz allem, was wir heute über Emil Nolde wissen, noch nicht reif. Sie wird kommen.

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