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Video-Filmkritik „Deutschstunde“ : Das Thema Nolde konsequent ausgeblendet

Bild: F.A.Z.

Falsches Idyll: Christian Schwochows Verfilmung der „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz will den Roman vor seinen heutigen Lesern retten, indem er ihn an der entscheidenden Stelle fatal entschärft.

          4 Min.

          Vor zwei Wochen ging die Berliner Ausstellung „Emil Nolde – Eine deutsche Legende“ zu Ende. Mit hundertfünfzigtausend Besuchern war sie eine der erfolgreichsten dieses Jahres. Sie zeigte den Künstler Nolde und sein Werk in scharfem Kontrast: Hier die expressionistischen Bilder, dort die Briefe und Schriften eines überzeugten Antisemiten und Parteigenossen der Nazis, der seine Verstrickung nach Kriegsende systematisch vertuschte und vertuschen ließ. Eine der Quellen, die das belegten, war Werner Haftmanns Nolde-Biographie von 1958, von der Haftmann später bekannte, er habe darin jeden Hinweis auf Noldes braune Vergangenheit unterdrückt, „weil so etwas ja nichts mit dem Maler zu tun hat“. Haftmanns Buch wiederum lieferte das Vorbild für die Malerfigur im Zentrum jenes Romans von Siegfried Lenz, der 1968 erschien und zum Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur wurde: „Deutschstunde“.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Jetzt kommt die „Deutschstunde“ ins Kino, zum ersten Mal wohlgemerkt, denn die zweiteilige Verfilmung von 1971, an die sich ein paar ältere Jahrgänge noch erinnern werden, lief nur im Fernsehen. Und schon mit den ersten Bildern ist klar, dass die Legende des Malers, an der Lenz mit seinem Bestseller gestrickt hat, in Christian Schwochows Film bruchlos fortgesetzt wird. Ein Klassenzimmer in einer Erziehungsanstalt, Anfang der fünfziger Jahre, an der Tafel steht das Aufsatzthema „Die Freuden der Pflicht“, doch der jugendliche Straftäter Siggi Jepsen weigert sich zu schreiben, er gibt ein leeres Blatt ab, kommt in eine Zelle, und dort, im Arrest, steigen die Bilder seiner Kriegskindheit in ihm auf. Da ist das Haus von Siggis Vater, des Dorfpolizisten von Rugbüll, und ein paar Steinwürfe weiter das Anwesen des Malers Max Ludwig Nansen, da sind die Deiche, Möwen, Schafe und Salzwiesen der Nordseeküste, und da ist der Brief aus Berlin, den der Polizist seinem Jugendfreund Nansen übergibt, der Brief, in dem die Reichskunstkammer dem Maler Max Ludwig Nansen Malverbot erteilt.

          Ein bisschen wie Kirchner und Beckmann

          Genau so steht es bei Lenz, und auch das, was der Film anschließend erzählt, in mal honigfarbenem, mal bläulich-kaltem Licht, gibt den Inhalt des Romans getreulich wieder, auch wenn Schwochows Mutter Heide, die Autorin des Drehbuchs, ein paar Nebenfiguren weggelassen und ein paar Handlungsstränge gekappt hat. Der Knabe Siggi bekommt von seinem Vater den Auftrag, das Malverbot zu überwachen, doch stattdessen deckt er Nansens Verstöße, und als der Maler Siggis älteren Bruder Klaas bei sich versteckt, der aus einem Wehrmachtslazarett abgehauen ist, werden die beiden endgültig zu Komplizen. Dann holt die Gestapo Nansen ab, und Siggi schwingt sich zum Hüter seiner Bilder auf, während er der väterlichen Kontrolle immer mehr entgleitet; als aber nach Kriegsende die Rollen sich umkehren und der Maler wieder im Licht, der Junge dagegen im Abseits steht, kann Siggi die Finger nicht von den Gemälden lassen, er stiehlt und vergräbt sie, bis ihm die Polizei auf die Schliche kommt.

          Wenn man will, kann man die Konsequenz, mit der dieser Film das Thema Nolde ausblendet, als Rettung des Romans vor seinen Lesern verstehen, und genau so redet es sich auch Schwochow zurecht. Das Buch schildere einen „großen archaischen Konflikt“, der durch den Verweis auf eine reale Künstlerbiographie nur „viel kleiner gemacht“ worden wäre. Deshalb haben Schwochow und seine Produktionsdesigner aus den Gemälden, die sie zeigen, jeden greifbaren Bezug zu Nolde getilgt. Der Maler Nansen malt ein bisschen wie Kirchner und Beckmann, aber auf seinem Dachboden stehen auch neusachliche Porträts und Landschaften. Nansens ästhetisches Profil bleibt ebenso vage wie seine politische Haltung.

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