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Filmkritik : Wie Bond wurde, was er ist: „Casino Royale“

Daniel Craig in „Casino Royale” Bild: Sony Pictures

Keine Martinis, keine explodierenden Füller und deutlich weniger Frauen: „Casino Royale“ ist das Ende der Bond-Welt, wie wir sie kennen. Daniel Craig gibt der Figur 007 jene Härte und Gefährlichkeit zurück, die sie lang vermissen ließ.

          Für einige Bewohner der westlichen Welt heißt es jetzt ganz tapfer sein: Miss Moneypenny ist in den Vorruhestand getreten, und Q muß seine bizarren Basteleien wohl in einem Altersheim für verdiente Geheimagenten fortsetzen - kein Schleudersitz mehr im Aston Martin, keine explodierenden Füllfederhalter, kein Fax in der Armbanduhr. Auch keine sinistren Gestalten mehr, die wie Klaus Maria Brandauer aussehen oder wie Jonathan Pryce, die in unterirdischen Kommandozentralen sitzen und nur einen roten Knopf drücken müssen, um den Planeten in die Luft zu jagen.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Frauen heißen auch nicht mehr Pussy Galore oder Penelope Smallbone, und Bikinis tragen sie sowenig wie ein Stilett in der Stiefelspitze. Sorry, hilft alles nichts, es ist aus mit den ganz großen Weltverschwörungs- und den komplementären Weltrettungsaktionen, vorbei mit dem charmanten Irrsinn, dem der große Produktionsdesigner Ken Adam so oft zur angemessenen Innenausstattung verholfen hat, vorbei auch mit jener snobistischen Britishness, welche all die Turbulenzen ungerührt an sich abperlen ließ. Es ist das Ende der Bond-Welt, wie wir sie kennen, und mir geht's gut dabei.

          Deutlich weniger Frauen

          Da steht nun ein gedrungener Mann mit stechenden blauen Augen, der immer ein bißchen so wirkt, als habe er sich aus dem Blaumann ins schwarze Dinner Jacket gekämpft, da steht der erste blonde Bond, und wie er sich bewegt, wie er redet, prügelt und flirtet, das erspart einem den traurigen Gedanken, er sei aus dem Schaufenster eines Herrenausstatters hinaus in die feindliche Welt gefallen. Er hat so viele Kratzer, Schrammen und Wunden wie keiner seiner Vorgänger, er hat auch so viele Dialogsätze, welche diesen Namen verdienen, wie bislang kein Bond - und er hat deutlich weniger Frauen. Daniel Craig, in dem nun alle vor lauter 007 keinen Schauspieler mehr sehen, hat Rollen gespielt, die man sich bei keinem seiner Vorgänger auch nur vorstellen möchte. Den Geliebten von Francis Bacon in „Love is the Devil“, einen gehetzten Dealer in „Layer Cake“, den Ehemann von Sylvia Plath in „Sylvia“. Und wurde es nicht auch endlich Zeit, daß jemand dem Schnickschnack von Q ein Ende setzt, dessen Auftritte einen gleichzeitig an Daniel Düsentrieb erinnerten und an „Dinner for One“?

          Heftige Phantomschmerzen

          Aber vielleicht ist das alles auch nur eine gefährliche Täuschung. Vielleicht fängt da einfach nur etwas von vorne an, weil Bond in „Casino Royale“ zu dem wird, der er seit vier Jahrzehnten ist. Nur die Phantomschmerzen sind diesmal so heftig, daß selbst Kritiker, die mit dem alten Bond nie etwas anfangen konnten, ihm nun hinterhertrauern; daß Zeitungen, die schon mit dem Reinheitsgebot für das deutsche Bier ausgelastet sind, auf einmal fragen, wieviel Bond denn im neuen Bond sei, als ließe sich das messen wie der Alkoholanteil im Wodka-Martini. Den gibt es, als Trost für Nostalgiker, zwar auch noch, doch wenn der Barmann beflissen die Gewissensfrage stellt: „Geschüttelt oder gerührt?“, dann raunzt der neue Bond ihn an: „Sehe ich aus wie jemand, den das interessiert?“

          Was den 38jährigen Daniel Craig durchgeschüttelt hat, bis er diesen Satz sagen durfte, ist das alte Spiel. Es geht fast so zu wie am Ende einer Legislaturperiode, wenn einem der alte Amtsinhaber längst wahnsinnig auf die Nerven geht, das innere Trägheitsprinzip sich aber jedem Nachfolger widersetzt. Der Lärm, der dabei entsteht, gehört zum Betriebsgeräusch, wenn eine Bond-Gestalt alt geworden ist. Man kann auch vermuten, daß dieselben, die Pierce Brosnan nun um jeden Preis behalten wollen, ihn damals anfeindeten; keiner wollte Timothy Dalton anstelle des ziemlich abgetakelten Roger Moore, und Sean Connerys einmaliges Comeback wurde gefeiert wie die Rückkehr des Messias.

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