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Filmkritik : Wie Bond wurde, was er ist: „Casino Royale“

Diese Raum-Zeit-Kosmetik läßt jeden Bond immer zugleich frisch und alt erscheinen. Sie macht es möglich, daß „Casino Royale“, der so etwas ist wie ein Porträt der Doppelnull als junger Mann, in einer vagen Gegenwart spielt und gleichwohl zeigt, wie Bond seine Lizenz zum Töten erwarb. Regisseur Martin Campbell kann es sich leisten, die ersten Sequenzen in geheimnisvollem Schwarzweiß zu drehen und diesen Look wiederum mit grobkörnigen, extrem kontrastreichen Schwarzweißbildern zu durchschießen, in denen Bond einen Mann in einem schmuddeligen Waschbecken ertränkt, um dann, als wäre nichts passiert, mitten in die Reiseprospektexotik zu springen und hoch über einem unwirklich blauen Meer eine erste große Actionchoreographie zu zelebrieren.

Zu diesem geradezu sozialdemokratisch abgefederten Modernisierungsprogramm paßt auch, daß Neal Purvis und Robert Wade, die Autoren der letzten drei Bond-Filme, diesmal eine Art Supervisor bekamen: Paul Haggis, den Autor von „L. A. Crash“ und Eastwoods „Million Dollar Baby“. Wer hätte sonst Bond zu der weinenden Vesper Lynd (Eva Green) gesetzt, die unter einer laufenden Dusche kauert, bis sein Smokinghemd klatschnaß ist? Und wenn man schon ein Bond-Girl wie Eva Green verpflichtet, deren klassische Schönheit Inbegriff des Anti-Pin-ups ist, muß man ihr halt auch einen verbalen Schlagabtausch mit Bond im Speisewagen schreiben, dessen Sophistication und Tempo erstaunlich sind.

Härte und Gefährlichkeit

Man kann deshalb nun nicht behaupten, daß die Bond-Serie seriös und zum Oscar-Kandidaten würde. Doch indem Daniel Craig ihr die Superman-Attitüden austreibt, gibt er der Figur jene Härte und Gefährlichkeit zurück, deren Mangel die letzten Schaffensjahre von Roger Moore wie den Prolog zu „Austin Powers“ erscheinen läßt. Es ist auch nicht so, daß „Casino Royale“ einen Plot ohne absurde Einfälle und große Löcher zustande brächte. Aber weil der Film den digitalen Overkill vermeidet, setzt er den alten Zusammengang von Motion und Emotion wieder in Kraft: Wenn da, nur zum Beispiel, zwei gewaltige Kräne stehen und ein Kamerakran sie umkreist, wenn die Kamera dann gegen die Bewegungsrichtung der Männer schwenkt, die von Kran zu Kran springen, dann wird einem noch im Kinosessel ein wenig schwindlig. Das ist nichts für Leute mit Vertigo; aber Höhenangst gehört nicht zu Bonds Schwächen. Er fällt in Ungnade, weil er seine erste Mission vermasselt, er läßt sein Womanizerpotential erkennen, ohne es in den üblichen Verrenkungen hochglänzenden Playboysexes ausspielen zu müssen, er verliebt sich - und am Ende wird er, was er ist: Bond, James Bond, das sind die letzten Worte des Films, und zum ersten Mal hört man da auch das vertraute Bond-Thema von John Barry.

Natürlich muß man dennoch fragen, wer eigentlich den Trainingsplan für Daniel Craig aufgestellt hat. Als muskulösester Bond, den es je gab, trägt er seine Pakete wie Arnold selig, was dem nicht übermäßig großen Craig etwas Bulliges verleiht und eine maliziöse Bemerkung von Le Chiffre erfordert, der ihn nackt auf einem Stuhl ohne Sitzfläche fesselt und foltert: Er habe seinen Körper gut in Schuß gehalten. Das Beste allerdings, was man nach diesem Showdown sagen kann, ist: Nach Sean Connery ist Daniel Craig der erste, dem man ohne weiteres zutraute, den Bond-Schurken zu spielen. Weshalb man nun auch all denen, die ihren alten Pierce Brosnan wiederhaben wollen und den neuen Bond schon totgesagt haben, nur zurufen kann: Er stirbt an einem anderen Tag.

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