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Filmkritik : Wie Bond wurde, was er ist: „Casino Royale“

72 Kandidaten wurden gehandelt

Der Unterschied besteht darin, daß es bei früheren Amtsantritten kein Internet gab, welches den Boulevard anheizte und sich von ihm anheizen ließ. Nicht weniger als 72 Kandidaten wurden gehandelt, seit Brosnan seine Demission bekanntgegeben hatte, zwei Frauen waren darunter und ein Zwerg, auch Clive Owen, Ewan McGregor und Liam Neeson. Die britische Boulevardpresse schoß sich derart auf Daniel Craig ein, daß Scaramangas goldener Colt dagegen wie eine Wasserpistole wirkte, eine Website namens „craignotbond“ tat alles, um durch unvorteilhafte Schnappschüsse und üble Kolportage Craigs Ruf zu ruinieren - und löste folgerichtig die Einrichtung der Seite „givecraigachance“ aus, auf der sich sofort 923 Personen der „Daniel Craig Army“ anschlossen.

Wer diese Chronologie des laufenden Irrsinns eine Weile verfolgte, konnte sich schon fragen, wessen Interessen da eigentlich vertreten wurden, woher diese manische Energie kam und warum die Wahl des „richtigen“ 007-Darstellers so unendlich viel mehr Menschen mobilisierte als die Bestellung des neuen UN-Generalsekretärs. Eine erste Antwort war auf der Gästeliste der Londoner Premiere zu finden: Die reale Queen huldigte ihrem fiktionalen Angestellten, Prinz Philip und Paris Hilton waren da, auch Shirley Bassey, Elton John und der Fußballer Teddy Sheringham. Mehr Konsens geht kaum.

Die reale Welt war nie genug

Die andere Antwort ist ein wenig komplizierter, weil die Bond-Fans sie nicht wahrhaben wollen: „Die Dinge müssen sich wandeln, um die gleichen zu bleiben“, heißt es in dem berühmten Roman „Der Leopard“. Das ist die Weisheit, die auf keine Serie, auf kein sogenanntes Franchise, so zutrifft wie auf den Bond-Konzern. Seine Selbsterneuerungskraft ist beim 21. Film im 44. Jahr ungebrochen. Der Zwang zum historischen Recycling, zur gemäßigten Metamorphose, ist auf allen Ebenen das Bewegungsgesetz. Unter dem Blick der Kamera wandeln sich die Schauplätze, um die gleichen zu bleiben. Bei Bond doubelt nicht nur der eine oder andere Stuntman den Helden. Die Bahamas sind sie selbst und ein Stück Madagaskar, Prag bleibt Prag und beherbergt Teile von Miami, und einen venezianischen Palazzo kann man auch in den Londoner Pinewood Studios so kunstvoll in der Lagune versinken lassen, daß das echte Venedig dagegen aussieht wie eine mittelmäßige Replik. Die reale Welt war nie genug für Bond.

Mit den Zeiten ist es nicht anders. 1953 erschienen, war Ian Flemings „Casino Royale“ erfüllt von Nachkriegssorge und Kalter-Krieg-Atmosphäre. Was davon 2006 auf der Leinwand übriggeblieben ist, wirkt wie ein aus lauter Übermalungen bestehendes Bild: Ausdrücklich in der Welt nach 9/11 angesiedelt, läßt der Film Judi Denchs M den klaren Fronten des Kalten Krieges nachtrauern; die Bösen, deren Gelder der Schurke Le Chiffre (Mads Mikkelsen, der Däne, der Blut weinen kann!) wäscht, changieren sehr diffus zwischen Rebellen und Terroristen und erinnern in ihren Praktiken eher an die siebziger Jahre, wohingegen die Idee, den Krieg gegen den Terror am Pokertisch zu führen, es nur in der Zeitrechnung des Bond-Universums zu ewiger Gegenwart bringt. Spielten nicht Mobiltelefone, Laptops und die scheußlichen Plastinate von Gunther von Hagens dramaturgisch wichtige Rollen, wäre nur schwer zu entscheiden, in welchem Jahrzehnt man gerade ist.

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