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Filmkritik : Wenn der Abfluß mal verstopft ist

  • -Aktualisiert am

Filmkritik: Charlotte Gainsbourg in "Lemming" Bild: FAZ.NET mit Material von Alamode Film

Ein Paar übersteht die Turbulenzen nach einem Besuch seines Chefs - um den Preis eines Mordes. „Lemming“ knüpft an die stärkste Traditionslinie des französischen Kinos an: den Krimi, der zugleich ein Liebesfilm ist.

          Wenn man einen einzigen Grund benennen müßte, warum man sich Dominik Molls Film unbedingt ansehen sollte, dann wäre das die Sache mit dem Abendessen. Denn dies ist die absolut grauenvollste, peinlichste und also lustigste Essens-Szene, seit Blake Edwards in „The Party“ eine Hollywood-Tafel ins Chaos stürzte.

          Ein junges Paar (Laurent Lucas und Charlotte Gainsbourg) erwartet den Chef (André Dussollier) und seine Gattin (Charlotte Rampling) zum Abendessen. Als die Gäste sich verspäten, fangen die beiden auf dem Sofa zu knutschen an. In dem Moment klingelt es an der Tür, der Chef entschuldigt sich, es sei ja schon spät, man könne auch ein anderes Mal kommen. Nein, nein, kein Problem. Also holt der Chef seine Frau aus dem Auto. Man stellt einander vor, man beschließt, sich zu duzen, aber die Frau bleibt ziemlich einsilbig und behält vor allem ihre dunkle Sonnenbrille auf.

          Die eiserne Disziplin der Bourgeoisie

          Alle setzen sich, Wein wird eingeschenkt, Salat ausgeteilt, eine gewisse Verlegenheit macht sich breit, weil die Frau immer noch nichts sagt. Dann klingelt das Handy des Chefs. Er entschuldigt sich und stellt es aus. Schweigen. Dann sagt die Frau: „War das eine deiner Schlampen?“ Und während das junge Paar noch stutzt, ob es richtig gehört hat, fährt sie fort: „Warum sagst du nicht, warum wir zu spät waren? Weil du noch bei einer Nutte warst!“ Lähmendes Schweigen. Man muß einfach gesehen haben, wie der wunderbare Dussollier die Fassung wahrt, wie kontrolliert seine Reaktionen ausfallen, wie er seine Frau nur fragt, ob sie sich jetzt besser fühle, nachdem sie Luft abgelassen habe. Zur Antwort schüttet sie ihm das Glas Rotwein ins Gesicht.

          Es ist der totale Horror, das junge Paar scheint immer noch zu warten, daß sich die Situation irgendwie auflöst, und wahrscheinlich wäre alles irgendwie greifbarer, wenn die Frau nicht so ungerührt hinter ihrer Sonnenbrille bliebe oder ihr Mann an die Decke ginge. Stattdessen trocknet er sich mit der Serviette notdürftig ab, erhebt sich und bittet um Verzeihung, es sei wohl besser, wenn man jetzt gehe. Da ist nicht der diskrete Charme der Bourgeoisie am Werk, sondern deren eiserne Disziplin, auch in der Entgleisung die Form zu wahren. Zum Abschied beleidigt Charlotte Rampling dann noch die Gastgeberin, sie könne sich ihre peinliche Berührtheit sparen, bis ihr Mann dazwischengeht und sagt, es sei jetzt genug. Im Ton etwas schärfer, aber immer noch kontrolliert.

          Einige Gründe, sich den Film öfters anzusehen

          Das junge Paar steht vor dem Haus, wie vom Donner gerührt, als sei ein Gewitter über ihnen niedergegangen, das sich so schnell verzogen hat, wie es gekommen ist. Die beiden hatten gar keine Möglichkeit einzugreifen, nicht weil sie dem Chef gegenüber so devot gewesen wären, sondern weil das in dieser Situation einfach nicht vorgesehen ist. Der größte anzunehmende Unfall, eine Naturkatastrophe. Die junge Frau sagt zu ihrem Mann nur: „Wenn ich auch mal so werde, erschieß mich!“

          Wer die Szene zum ersten Mal sieht, wird womöglich erstmal nur vom lähmenden Entsetzen gepackt, aber je öfter man sie sieht, desto lustiger wird sie. So wie bei Ben Stiller in „Meet the Parents“ am Tisch seiner Schwiegereltern oder Fabrice Luchini, dem Michel Piccoli in „Rien sur Robert“ vor versammelter Tischrunde die Leviten liest, weil er als Filmkritiker sich zu einem Film geäußert hat, den er gar nicht gesehen hat. Und es gibt einige Gründe, sich den Film öfters anzusehen, denn er ist mit einer Eleganz konstruiert und inszeniert, die tatsächlich an die große Zeit kinematografischer Vivisektionen des französischen Bürgertums in den sechziger Jahren erinnert, also an Chabrol oder Bunuel.

          Überhaupt feiert diese Art von Kino in Frankreich gerade eine Renaissance. Mit messerscharfem Blick wird immer wieder seziert, an wie dünnen Fäden jener Komfort hängt, mit dem sich der gehobene Mittelstand seiner selbst versichert. Am abgründigsten war sicher Haneke mit „Caché“, am frivolsten „Malen oder Lieben“ und am verstörendsten Emmanuel Carrères „La moustache“, in dem sich Vincent Lindon eines Tages seinen Bart abrasiert und von der Tatsache, daß es keiner bemerkt, in eine tiefe Identitätskrise gestürzt wird. Die alptraumhafteste Vision entwirft allerdings Dominik Moll in „Lemming“, die sowohl an die Art erinnert, wie Hitchcock Helden schuldlos in Verstrickungen geraten, als auch an Lynch und seine Labyrinthe des Schreckens.

          Aufgestaut im Abflußrohr

          Moll ist im deutschen Brühl geboren, hat dann aber in Paris Film studiert und macht seither eben französische Filme, erst „Harry meint es gut mit dir“ und nun „Lemming“, der sogar Eröffnungsfilm in Cannes war. Das desaströse Abendessen ist natürlich nur der Anfang einer Reihe von Ereignissen, von denen das junge Paar beharrlich glaubt, sie hätten nichts mit ihnen zu tun. Es kommt noch schlimmer, viel schlimmer, und man sollte nicht zu viel davon verraten - nicht weil die Sachen beim zweiten Sehen an Witz verlören, sondern weil zum Vergnügen ja immer dazugehört, daß man nicht ahnt, welche Wendungen noch bevorstehen.

          Am Anfang ist es nur ein Abflußrohr, das verstopft ist. Der Mann ist Ingenieur und verspricht sich darum zu kümmern. Eines Nachts schraubt er das Rohr auf und findet darin ein kleines lebloses Nagetier, das er erstmal für einen Hamster hält. Als die Frau am nächsten Tag feststellt, daß es noch atmet, bringt sie es zu einem Veterinär, der es als Lemming identifiziert, sich aber nicht erklären kann, wie es aus Skandinavien nach Frankreich gekommen sein soll. Natürlich hat das Tier eigentlich nichts mit den Ereignissen zu tun, und doch funktioniert der Lemming im Rohr als Sinnbild dafür, daß sich im Leben des Paares etwas angestaut hat, was sie selbst noch gar nicht wahrnehmen. Moll inszeniert die beiden ohne jene Herablassung, mit der solche Lebensentwürfe im Kino sonst zu Karikaturen werden. Die beiden sind völlig normal und sympathisch - das wird ihr Verhängnis.

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