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Filmkritik : Pomp und Pop und Rock'n'Rokoko

Film-Kritik: Kirsten Dunst in "Marie Antoinette" Bild: Sony Pictures

Was ist das Leben bei Hofe anderes als eine Maschinerie, die Klatsch hervorbringt, Stars und Intriganten? Sofia Coppola verfilmt das Leben von Marie Antoinette, der meistgehaßten Frau des 18. Jahrhunderts, als wär's ein Stück aus Beverly Hills.

          5 Min.

          Im globalen Bilderzirkus war sie natürlich schon da, bevor Kirsten Dunst mit Haarturm und Reifrock das Titelblatt der „Vogue“ eroberte: Madonna, die vor zwei Jahren für das Plakat ihrer „Re-Invention“-Tour mit Perücke und Rokoko-Push-up vorm passenden Mobiliar kniete. Madonna wäre auch keine schlechte Madame Dubarry gewesen, obwohl gegen Asia Argento nichts einzuwenden ist. Und was Sofia Coppola macht, das ist auch eine Art Re-Invention, wobei sie nicht sich selbst neu erfindet, sondern die Königin Marie Antoinette, die zu den bestgehaßten Frauen ihrer Zeit gehörte und 1793 bekanntlich auf dem revolutionären Schafott in Paris endete.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Marie Antoinette“ ist ein Film, der jeden an etwas erinnert, und das spricht nicht unbedingt gegen ihn. Die amerikanischen Journalisten in Cannes dachten beim höfischen Zeremoniell an das rigide Festivalprotokoll, die Franzosen an den amerikanischen Celebrity-Kult, und alle waren sie sich einig, daß der Spiegelsaal zu Versailles nicht nur ein Bild der domestizierten Natur in den Palast holt, sondern auch Hollywood hereinschimmern läßt. Was ist das Leben bei Hofe anderes als eine Maschinerie, die Stars hervorbringt und Klatsch und Tratsch und Intriganten? Und ist das Versailles des Ancien régime nicht genauso hermetisch wie eine Welt, in der nur die Schönen, Reichen und Berühmten etwas zählen und die Schmutzigen, die Häßlichen und die Gemeinen leider draußen bleiben müssen?

          Brot und Kuchen

          Den Psychologen ist es natürlich auch nicht entgangen, daß Sofia Coppola womöglich ein Stück ihrer eigenen Biographie in der historischen Königin entdeckt hat. Wenn man sich an die Zwanzigjährige erinnert, die im dritten Teil des „Paten“ vor der Kamera des Vaters erschien, nachdem sie im „Paten I“ getauft worden war, wenn man sieht, wie die heute 35jährige über die roten Teppiche geht, mit dem leicht hochgezogenen linken Mundwinkel, der ihr Lächeln immer verlegen erscheinen läßt, dann ist sie ihrer Heldin gar nicht so fern. Sofia Coppola ist allerdings nicht allein mit ihrem Interesse an Marie Antoinette. Zwei historische Romane sind innerhalb der letzten zwölf Monate in Amerika erschienen, eine amerikanische Professorin hat eine Studie mit dem Titel „Queen of Fashion: What Marie Antoinette Wore to the Revolution“ verfaßt, und das Public Broadcasting System strahlte im September eine Dokumentation über die unglückliche Königin aus. Die streitbare Camille Paglia hat daher gleich versucht, sich einen Reim auf diese Konjunktur zu machen. Die öffentlichen Enthauptungen der Islamisten fielen ihr ein, auch Diana Spencers Tod in Paris, und sie schrieb: „Die Wiederkehr von Marie Antoinette legt nahe, daß in der Welt politische Kräfte am Werk sind, welche der westliche Humanismus nicht wirklich begreift und die er möglicherweise nicht kontrollieren kann.“

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