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Video-Filmkritik : Tot und trocken wie ein hundertjähriger Keks

Bild: Prokino

Mit „Königin der Wüste“ liefert Werner Herzog auf seine alten Tage banales Mainstreamkino. Nicole Kidman spielt botoxglatt die Abenteurerin Gertrude Bell und bleibt dabei ganz Nicole Kidman.

          2 Min.

          Wer schon immer wissen wollte, wie Nicole Kidman auf dem Rücken eines Kamels aussieht, wird es in diesem Film erfahren. Und wer bisher nicht glauben konnte, dass Werner Herzog auf seine alten Tage dazu imstande wäre, einen ganz normalen, ganz banalen Hollywoodfilm zu drehen, der wird mit „Königin der Wüste“ eines Schlechteren belehrt: Er kann es. Und er kann es nicht.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Denn das Schlimmste an dieser Kino-Schwarte über das Leben der britischen Abenteurerin und Wüstenreisenden Gertrude Bell (1868 bis 1926) ist nicht, dass sie so mundgerecht und mainstreamhaft und absolut kantenlos daherkommt. Sondern dass sie in all ihrer mühsamen Mainstreamhaftigkeit kein bisschen unterhaltsam oder gar spannend ist. Dass die Wüste lebt, ist die Moral jeder Wüstengeschichte, aber diese hier wirkt so tot und trocken wie ein hundertjähriger englischer Keks. Ein Kamel kann sie auf einem Höcker absitzen. Ein Mensch, mit weniger Geduld begabt, braucht dazu zwei Stunden, die sich anfühlen wie vier.

          Dafür darf man Nicole Kidman bei einer der unwahrscheinlichsten Metamorphosen ihrer Kinokarriere zuschauen. Am Anfang des Films spielt sie eine Zwanzigjährige, die zu klug für die gute Londoner Gesellschaft ist und deshalb nach Teheran geschickt wird, wo sie persische Lyrik liest und mit einem gebildeten Botschaftssekretär (James Franco) durch die Ruinen des alten Irans turtelt.

          Auf verdrehte Weise vollkommen glaubhaft

          Dann dringt sie mit Ende dreißig, Anfang vierzig ins Drusengebirge und in die arabische Wüste vor, sitzt mit Scheichs und Scheichleins (eines ist erst sechzehn) beim Tee und mit dem jungen T. E. Lawrence (Robert Pattinson, als Kulturschatzsucher genau so blass wie als Vampir in den „Biss“-Filmen) bei einer Flasche Whisky am Lagerfeuer, wird angeschossen, eingesperrt, gegängelt. Und schließlich weilt sie mit fast fünfzig wieder unter Landsleuten in der Botschaft zu Kairo, von wo aus sie als Beduinen-Expertin die Neuordnung des Nahen Ostens durch das britische Empire koordiniert.

          Jede dieser drei Lebensphasen verkörpert Nicole Kidman vollkommen glaubhaft, obwohl - oder gerade weil - sie den ganzen Film über im Grunde gleich aussieht. Sie wirkt nur nicht wie Gertrude Bell. Sie wirkt wie Nicole Kidman, die die Biographie der Gertrude Bell besichtigt. Wenn man sich mit dieser Tatsache einmal abgefunden hat, kann man „Königin der Wüste“ auf eine verdrehte Weise genießen.

          Peinlichkeit versus Augenzucker

          Die Szene, in der sich Gertrude alias Nicole, nur mit einem durchsichtigen Leinenhemd bekleidet, neben ihrem Zelt in der Badewanne aalt, während Klaus Badelts Orchestergeigen schmachtend aufschluchzen, ist dann nicht mehr der Gipfel der Peinlichkeit, sondern ein fettes Stück Augenzucker in einem Film, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Später fällt dann auch noch Winston Churchill vom Kamel, während die Pyramiden von Gizeh im Hintergrund gedankenvoll ihre Häupter wiegen. Ach, man müsste mal wieder Karl May lesen . . .

          „Königin der Wüste“ ist also ein doppeltes Verwandlungswunder. Nicole Kidman verwandelt sich nach dreißig Jahren Wüstensonne wieder in sich selbst zurück, so jugendfrisch und botoxglatt wie eh und je. Und Werner Herzog wird zu dem Regisseur, der er nie sein wollte, zum Bilderfutterknecht der Medienindustrie. Nur das Kino sieht in diesem Film ziemlich alt aus.

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