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Filmkritik : Ganz allein in Friedrichshain

Filmkritik: Kim Schnitzer in "Lucy" Bild: FAZ.NET mit Material von Pifl Media GmbH

Denn sie wissen nicht, was sie suchen: Henner Wincklers Film „Lucy“ erzählt vom Leben im Niemandsland zwischen Teenagersehnsucht und Mutterpflicht. Mit großer Lakonik - und einer zauberhaft zaghaft-rotzigen Heldin.

          Man muß kein Franzosenversteher sein, um zu begreifen, warum Pariser Cineasten die „Nouvelle Vague Allemande“ erfunden haben, die sich zu Hause etwas schlichter „Berliner Schule“ nennt. Es ist ein Wiedererkennungseffekt. Was die Franzosen in den Filmen von Christian Petzold, Angela Schanelec oder Christoph Hochhäusler entdecken, ist eine Art, im Kino auf die Welt zu blicken, welche ihnen sehr vertraut ist. Bei aller Verschiedenheit der Filme ist da ein besonders sorgfältiger und zugleich sehr unspektakulär wirkender Umgang mit Bildern und Räumen, der genauso wichtig ist wie die Frage nach Geschichte und Handlung. Es ist ein Kino der Beobachtung.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Auch Henner Winckler gehört zu dieser sogenannten Schule, die weniger lehren will, als daß die Regisseure selber das genaue Hinsehen lernen möchten. „Lucy“ ist Wincklers zweiter Spielfilm. In „Klassenfahrt“ (2002) fuhren Schüler in ein polnisches Ostseebad, und das sah fast so aus wie eine Dokumentation. Die Grenzen zur Fiktion blieben fließend, obwohl der Film nicht mit Laien, sondern mit Schauspielern arbeitete.

          Kleiner Zauber

          Auch „Lucy“ erzählt von dieser Phase kurz vorm Erwachsenwerden - und könnte ebensogut „Maggy“ heißen, weil die 18jährige Maggy im Mittelpunkt steht. Lucy ist ihr Baby, dem Vater gibt sie im ersten Bild eine Tüte mit seinen Sachen wieder. Maggy lebt im Niemandsland zwischen Teenagersehnsucht und Mutterpflicht, und dieser prekäre Zwischenzustand spricht aus ihren Blicken und ihrer Mimik, er drückt sich aus in ihrer Körpersprache und in ihren Worten. Innerhalb von Sekunden weicht das Schmollen des Teenies einer kleinen Louise Brooks, in deren Augen ein geheimnisvolles Leuchten liegt - es ist die Reflexion des Fernsehschirms, auf dem gerade „Vertigo“ läuft.

          Wie die zwanzigjährige Kim Schnitzer Maggy spielt, zwischen Zaghaftigkeit und Rotzigkeit, mit Bewegungen, als suchte sie nach einem festen Ort im Leben, davon geht ein kleiner Zauber aus. Sie schiebt die Hände fester in die Taschen der Jeans als nötig, und sie wird wie alle ihre Freunde von dieser eigenartigen Verlegenheit befallen, sobald sie mit Erwachsenen den Raum teilt. Als Maggys neuer Freund Gordon (Gordon Schmidt) in die Küche kommt, wo Maggys Mutter steht, versucht er, sie so lange zu übersehen, bis sie ihn fragt: „Was suchst du denn?“ Was sie suchen, wenn sie nicht gerade den Flaschenöffner suchen, wissen sie alle nicht so recht.

          Da ist keine große Energie, kein Plan; ein bißchen „relaxter“ habe sie sich das Leben vorgestellt, sagt Maggy, „ich hätte auch gern was, was mir Spaß macht“. Und ihre Freundin sagt da nur: „Du hast doch Gordon.“ Der Film versucht nicht, diesen alltäglichen Situationen eine dramatische Struktur aufzuzwingen. Maggy zieht mit Lucy bei Gordon ein, natürlich geht das nicht gut, und sie werden wohl wieder auseinandergehen. Mehr ist da nicht. Henner Winckler hat dabei jedoch ein wunderbares Gespür für Timing, das er auch der Cutterin Bettina Böhler verdankt, die bereits mit Petzold, Schanelec und Michael Klier gearbeitet hat.

          Große Lakonik

          Er geht oft früh aus den Szenen raus, er braucht auch nicht lange, um die kleinen Spannungen anzudeuten, die im Zusammenleben entstehen. Wenn er schneidet, besagt die Geste: Das reicht! Eine Wohnung, ein Waschmaschinenkauf, ein Konflikt mit der Mutter. Er bringt die Situation auf den Punkt, ohne einen Charakter und sein Ambiente im Klischee erstarren zu lassen. Deshalb muß der Film auch nicht ausstellen, wo er spielt. Zwischen Friedrichshain und Alexanderplatz zeigt er ein kleines Stück Berlin. Ein paar Schauplätze, so alltäglich und selbstverständlich, wie sich die Charaktere auf ihnen bewegen.

          Henner Wincklers Blick ist nicht ethnographisch, er hat auch nicht die schreckliche Verständnisseligkeit filmischer Jugendstudien. Er ist einfach dabei, als wäre er für eine Weile dazugestoßen und hätte hingeschaut, ohne viele Fragen zu stellen. Er braucht keine Vorgeschichte, keinen Hintergrund, und eine Lösung braucht er auch nicht. Am Ende kehrt Maggy der Kamera den Rücken zu, nachdem sie eine Weile im Flur der Kita auf und ab gegangen ist, wo Lucy gerade schläft. Es ist nicht wichtig, ob sie nun die Verantwortung tragen oder sich weiter auf ihre Mutter verlassen will. Es zählt, daß sie gekommen ist. Und Winckler verzichtet auf die übliche Naheinstellung, die dem Zuschauer erklären soll: Sie hat ihren Weg gefunden!

          „Lucy“ lebt von der Klarheit und der Wahrhaftigkeit der vielen kleinen Szenen und Situationen, von der präzisen Schilderung und der Lakonik, und er hat den Lebensrhythmus von Maggy ganz diskret in der Montage aufgenommen. Man kann das Realismus nennen. Aber der Regisseur ist klug genug, um sich keinem Konzept zu verschreiben. „Mir geht es nicht in erster Linie darum, Wirklichkeit darzustellen“, hat der 37jährige in einem Interview gesagt, um sofort zuzugeben, wie sehr es ihn beeindruckt, „wenn Schauspieler einen Text genauso sagen, wie sie ,Hallo' sagen, wenn sie jetzt zur Tür hereinkommen“. Vermutlich ist das der Trick: Über den Umweg zur Wirklichkeit zu finden.

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