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Filmkritik : Freibeuter im Vergnügungspark

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Filmkritik: Johnny Depp in "Fluch der Karibik 2" Bild: FAZ.NET mit Material von Buena Vista International

„Fluch der Karibik 2“ ist eine Nummernrevue aus Captain-Sparrow-Gags und digitalen Wow-Effekten ohne einen einzigen abgeschlossenen Handlungsstrang. Vielleicht ist es Dreistigkeit. Oder ein Zeichen absoluter Modernität.

          Captain Jack Sparrow ist wieder da, der fesche Will Turner, die schöne Elizabeth - Keira Knightley so schön, daß für sie, auch wenn sie nicht blond ist, gelten darf, was Raymond Chandler einst schrieb: „Sie sah aus als würde ein Bischof ihretwegen ein Loch in ein Kirchenfenster treten.“ Eine schwimmende Kathedrale gäbe es für den Versuch.

          In seiner domhohen Kajüte im Bauch des „Fliegenden Holländers“ sitzt Kapitän Davy Jones, in der maritimen Verdammnis zur nudelköpfigen Molluske mutiert, und spielt auf seiner Orgel tiefseedunkle Melodien. Knuffige Dreimaster sind wieder da, mondfahl monströse Matrosen, samtblaue, fackeldurchglühte Nebelnächte, alles zusammengehalten von einer abenteuerflatternden, vergnügt-verwickelten Takelage: „Fluch der Karibik 2“ segelt über die Leinwand.

          Angesichts der Leinwandpiraten auf Piratenjagd

          Wer meint, daß ein Piratenfilm nur ein romantisches Märchen sei, dem wird bei einer Pressevorführung schnell deutlich, daß Piraterie in frischer, moderner Gefährlichkeit glänzt. Wie am Flughafen, wo Terrorismus verhindert werden muß, wird vor Betreten des Kinosaals aufgefordert, das Handgepäck abzugeben; nachdrücklich die Frage, ob das Handy auch mit drin sei; moderne Mobiltelefone haben Kamerafunktionen. Es geht noch durch eine Metalldetektorschleuse.

          Während der Vorstellung sieht man dann gelegentlich, wie jemand sich durch das Kinosaaldunkel bewegt, den nicht interessiert, was auf der Leinwand passiert. Er beobachtet die Leute, die sich den Film ansehen. Ein Content-Pirat könnte ihn heimlich abfilmen und ins Internet stellen. (In den Vereinigten Staaten werden Filmvorführungen inzwischen mit Nachtsichtgeräten beobachtet, mit deren Hilfe sich heimlich Filmende enttarnen lassen.) Der unübersehbar inszenierte Verdacht, urheberrechtsfreibeuterischem Gelicht zuzugehören, verbindet die Schar der Zuschauer. Ein erstaunliches Gefühl der Übereinstimmung stellt sich ein zwischen der Außenwelt des Kinosaals und der Innenwelt des Piratenfilms auf der Leinwand. Man freut sich sogar über den kleinen, zusätzlichen Kitzel. Denn der Film kann Zusatzreize vertragen.

          Untote aus getrocknetem Truthahnfleisch

          Die Stars tun ihr Bestes. Will (Orlando Bloom), erst noch prinzipientreuherzig, reift rasant wie eine Rakete zum Manne. Jack (Johnny Depp) macht ihm klar, daß Erwachsensein auch bedeutet, Pirat zu sein. „Für mich“, sagt Regisseur Gore Verbinski, „geht es in dem Film um das Brechen von Regeln. Darum, wann es richtig ist, eine Regel zu brechen, um zu kriegen, was man will. Alle Figuren versuchen letzten Endes, ihre Wünsche durch Piraterie zu verwirklichen - im Guten wie im Schlechten.“

          In „Fluch der Karibik“, dem Sommerhit 2003, war die Neuerfindung des Hollywood-Piratentums gelungen, und zwar ohne die klassischen Erwartungen im Stich zu lassen. Keine Augenklappen, keine Hakenarmprothesen, keine Totenkopfflaggen, und trotzdem klasse Seeräubergefühl, hochprozentig wie Rum. „Die Schiffe waren leck, es gab keine medizinische Versorgung und kaum Hygiene“, faßt Regisseur Verbinski die Recherchen über die Ära der Piraten zusammen. „Es war ziemlich ekelhaft. Aber auch wenn es sich vielleicht seltsam anhört: Es hat ziemlich Spaß gemacht, die ekelerregenden Qualitäten herauszuarbeiten.“ Auf der Suche nach der passenden Oberflächenstruktur für einigermaßen verweste untote Seeleute scannte einer der Animatoren den Inhalt seines Pausenbrots ein - getrocknetes Truthahnfleisch. Es war genau das, was sie gesucht hatten.

          Wie eine Badewanne voll vergammelter Ravioli

          Die Kindersehnsucht nach einer Welt ohne Seife und Zahnbürste offenbart sich im zweiten Teil ungleich massiver als gruselwonniges Schreckensbild. Mangelnde Mundhygiene führt zu ewiger Verdammnis, und wer sich nicht die Hände wäscht, sieht nach einer Zeit aus wie eine Badewanne voll vergammelter Ravioli. Die Lust an der computergraphischen Nachschöpfung schröcklicher Sudelgestalten hat Verbinski und Produzent Jerry Bruckheimer aber unvorsichtig werden lassen. Wie auch bei unverdorbenen Nudeln ist alles eine Frage des richtigen Timings. „Fluch der Karibik 2“ ist in vielem al dente, an einigen Stellen aber verkocht. Es zieht sich.

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