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Filmkritik : Einseitig: „Road to Guantánamo“

Filmkritik: Rizwan Ahmed in „Road to Guantánamo” Bild: FAZ.NET mit Material von Falcom

Drei britische Muslime werden für Taliban-Kämpfer gehalten und landen im Gefangenenlager: Michael Winterbottoms Film „Road to Guantánamo“ erzählt eine wahre Geschichte - in falschen Bildern.

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          Michael Winterbottom hat jene drei britischen Muslime befragt, die nach zwei Jahren Haft im amerikanischen Gefangenenlager von Guantánamo im Frühjahr 2004 freigelassen wurden - weil sie unschuldig waren. Er montiert einzelne Gesprächspassagen in „Road to Guantánamo“ ein, gibt Ausschnitte aus englischen Fernsehnachrichten dazu und ergänzt den Rest - und das ist der größte Teil - mit Spielfilm-Szenen, die er in Großbritannien, Afghanistan, Pakistan und Iran (der Film hat einen iranischen Koproduzenten) gedreht hat.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Einen Spielfilm, der vorgibt, eine Dokumentation zu sein, nennt man „Mockumentary“, weil er bewußt irreführt. Winterbottoms Film aber ist etwas anderes. Man könnte ihn „Fuckumentary“ nennen, denn ihm ist die Trennung der Genres egal. Seine eindrucksvollste Szene zeigt den entscheidenden Angriff der mit Amerika verbündeten Nordallianz auf die letzte Taliban-Bastion in Kundus. Aus der Sicht der Verteidiger aber gab es damals keine Bilder, also hat der britische Regisseur sie nachgestellt: großartig, aber falsch. Doch man wird sie für echt halten.

          Ein einseitiges Werk

          Die drei Briten waren wegen der Hochzeit des einen von ihnen im Oktober 2001 nach Pakistan geflogen, dann aus Abenteuerlust nach Afghanistan gereist, dort vom Angriff der Amerikaner überrascht und schließlich als angebliche Taliban-Kämpfer festgenommen worden. Das alles wird von Schauspielern dargestellt. Die authentischen Interviews jedoch gehen in die nachgestellten Szenen über, und ob denn auch alles, was sein Film zeigt, auf den Aussagen der drei jungen Muslime beruht, das läßt Winterbottom bewußt im unklaren. Dadurch wird sein Werk so einseitig, wie es ein Spielfilm allemal sein darf, ja sein muß, wenn man kein langweiliges Morallehrstück sehen möchte. Aber „Road to Guantánamo“ wird vor allem als politische Stellungnahme betrachtet.

          Es ist aller Ehren wert, einen Exzeß vorzuführen, der alle Grenzen überschreitet, die ein demokratischer Staat wahren muß. Die drei Briten waren ohne Anklage inhaftiert, wurden gefoltert, hatten keinen Kontakt zu Anwälten. Aber ausgerechnet der experimentierfreudige Winterbottom hat dafür eine Form der Darstellung gewählt, die ihm 2003 auf der Berlinale bereits einen Goldenen Bären eingebracht hat: für das halbfiktionale Flüchtlingsdrama „In This World“. Mit „Road to Guantánamo“ hat Winterbottom eine Filmmasche gedreht.

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