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Video-Filmkritik : Die Gesetze der Begierde

Bild: Weltkino

In seinem Film „Eine neue Freundin“ erzählt François Ozon eine Liebesgeschichte zwischen einer Frau und einer Frau, die ein Mann ist. Ein Spiel mit Geschlechterrollen - und mit dem Kino.

          4 Min.

          Sein letzter Film begann mit einem Blick durch ein Fernglas. Ein Mädchen im Bikini am Strand - und ein Junge, der ihr von oben zuschaut. Es ist eine Einstellung, die man tausendmal im Kino gesehen hat. Nur dass der Junge und das Mädchen bei François Ozon Bruder und Schwester sind. Ozon geht es nicht darum, Klischees zu vermeiden oder sie, wie Pedro Almodóvar, melodramatisch zu überhöhen. Er will ihnen einen neuen Dreh geben, einen Twist. In den Augen des Bruders spiegelt sich der Blick der Männer, die das Mädchen im Lauf der Geschichte ansehen werden - und mehr als das. Die Familie ist der Hort des Fremden, das ist ein Grundmotiv bei Ozon. So wie die Ehe. Und die Freundschaft.

          Beste Freundinnen seit Kindesbeinen

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ozons neuer Film beginnt im Leichenschauhaus. Eine junge Frau, Laura, wird für die Aufbahrung im offenen Sarg angekleidet und geschminkt. Die Trauerfeier findet in einer Kirche statt. Claire, Lauras beste Freundin, verspricht der Toten, sich um ihr Neugeborenes und ihren Ehemann zu kümmern. Dann sieht man in einer Rückblende, wie die beiden Freundinnen sich in der Schule kennenlernten, miteinander aufgewachsen sind, am gleichen Tag geheiratet haben. Mit ihren Männern bildeten sie ein unzertrennliches Quartett. Jetzt ist davon ein Dreieck geblieben, die instabilste, gefährlichste Konstellation, die es im Kino gibt.

          Dass das Medium Film altert, merkt man nicht daran, dass seine Stoffe oder Darsteller älter werden. Man erkennt es an der Art, wie sich bei Regisseuren wie Ozon durch die Geschichten, die sie erzählen, verborgene Bedeutungen, historische Verweise ziehen. Laura ist in dem gleichnamigen Klassiker von Otto Preminger ein Mordopfer, das unerwartet wiederkehrt und eine tödliche Intrige auslöst. In „Eine neue Freundin“ kehrt nicht sie selbst, sondern ihr Bild wieder, das Bild einer Blondine, die in den Kleidern der Toten steckt. Als Claire (Anaïs Demoustier) eines Tages in das Haus von Lauras Ehemann David (Romain Duris) kommt, sieht sie diese Frau auf dem Sofa sitzen und Lauras Baby auf dem Schoß halten. Die Fremde dreht sich um, und es ist David selbst.

          Hinter der Maske bürgerlicher Bravheit

          Aber nicht David, den Romain Duris mit der Eleganz eines Rehs und der Geschmeidigkeit eines Panthers verkörpert, ist die Hauptfigur der Geschichte, sondern Claire. Sie hält hier das Fernglas, in dem sich etwas spiegelt, was bei Douglas Sirk „Magnificent Obsession“ hieß, eine hinreißende Verlockung. Der als Frau gekleidete David wird ihre neue Freundin Virginie, und es beginnt, was man in den Kreisen, in denen der Film spielt, eine Affäre nennt. Die beiden gehen zusammen aus, kaufen gemeinsam Kleider, und schließlich fahren sie in Lauras Elternhaus auf dem Land. Dort, im Bett ihrer besten Freundin, träumt Claire, wie sie mit David schläft. Die beiden beschließen, mit dem Traum Ernst zu machen, sie verabreden sich in einem Hotel, aber als sie sich ausziehen, wendet Claire sich ab. Denn es ist nicht der unter den Kleidern steckende Mann, den sie begehrt, sondern Virginie: ein Bild von einer Frau.

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