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Filmkritik : Denn sie wissen, was sie tun

Filmkritik: Colin Farrell in "Miami Vice" Bild: FAZ.NET mit Material von United International Pictures

Schon der Fernsehserie hatte er als Produzent das unverwechselbare visuelle Design verliehen. Heute ist Michael Mann so nah am Puls der Zeit wie kein anderer Filmregisseur. „Miami Vice“ ist mehr als eine Hommage an die Achtziger.

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          Miami ist heute eine vollkommen andere Stadt als vor zwanzig Jahren. Der Himmel über dem hellbunten, palmenbewachsenen Paradies der Partydrogenbarone hat sich verdüstert, und der Blick zum Horizont aus allseitig verglasten Penthouses sieht entweder den letzten Sturm abziehen oder den nächsten Hurrikan nahen. Die Farben, so sie überhaupt sichtbar werden, sind greller geworden, die Kontraste schärfer, die Häuser höher und die Waffen auf allen Seiten deutlich effektiver. Ihre Geschosse schlagen mühelos halbe Autokarosserien weg und lassen auf dem Weg in den Rücken des Opfers auf dem Vordersitz von der Lehne nur ein Häuflein Polsterkrümel übrig.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Verbrechen, das sich aus der Unterwelt über die Polizei in die besseren Kreise vorgefressen hat, ist organisiert wie ein internationaler Konzern. Es gibt keinen Ehrenkodex wie den, auf den die Mafia einst stolz war, und längst schon handeln die Kartelle nicht mehr einzig mit Koks. Alle Sorten anderer Drogen, Waffen, schwarzkopierte Software, Mädchen ohne Paß werden verschoben, Allianzen mit Diktaturen gepflegt, extremistische Gruppen ausgestattet. Ein eigener Abwehrdienst sorgt dafür, daß die Versuche von Polizei und FBI, die Geschäfte zu stören, früh erkannt und zunichte gemacht werden. Miami, einst als südlichste Stadt der Vereinigten Staaten Grenzposten zur Karibik, ist heute der nördlichste Außenposten Süd- und Lateinamerikas. Die Drogen kommen von dort, die Waffen kommen von dort und die mächtigsten Verbrecher auch.

          Unübersehbar im einundzwanzigsten Jahrhundert

          So ist die Lage zu Beginn von „Miami Vice“. Daß der Film von Michael Mann mit der gleichnamigen Serie, die er in den achtziger Jahren produzierte, außer dem Titel und einigen Figuren überhaupt nichts gemein hat, ist wenig überraschend. Michael Mann hat immer an vorderster Stelle im Zeitgenössischen gearbeitet. Das war schon damals so, weshalb wir heute, wenn wir über die achtziger Jahre und darüber, wer sie geprägt hat, sprechen, sofort auf „Miami Vice“, die Serie, verfallen. Und das ist heute so.

          „Miami Vice“, der Film, sieht aus wie kein anderer, und er hat nichts, was nicht unübersehbar ins einundzwanzigste Jahrhundert gehört - die abgeschabten Werbebleche mit französischen Reklamesprüchen in Haiti und die verglaste Luxuswohnung hoch über Miami, die Schnellboote und die zwölfkalibrigen halbautomatischen „Benelli M4 Super 90“-Gewehre, die gepanzerten SUVs, die 40-Millimeter-Granatwerfer der Marke Heckler & Koch, die superleichten Flieger, die auf den Radarschirmen in den Kontrolltürmen nur kurz aufleuchten und dann verschwinden, und die Identitätsprobleme der Helden.

          Die Gefahren für die Detektive Crockett (Colin Farrell) und Tubbs (Jamie Foxx) sind größer, ihre Einsätze entsprechend höher und ihre Fragen ans Leben um ein vielfaches dringlicher. Sie arbeiten undercover, ausgestattet mit fremden Lebensläufen. Sie führen das Leben der Verbrecher, die sie jagen. Und sie müssen zu zweit sein, damit immer einer dem anderen sagen kann, wo die Grenze verläuft, die sie nicht überschreiten dürfen. Wobei diese Grenze bei Mann von keinem Gesetz, keiner Vorschrift definiert wird, sondern nur von einem Gefühl der persönlichen Integrität. Denn die Männer im Zentrum von Manns Filmen leben nicht in getrennten Welten des Jobs und des Privaten. Sie werden, wer sie zu sein scheinen. Sie sind völlig eins mit dem, was sie tun. Wenn sie damit fertig sind, müssen sie zurück. „Du hängst dir die Polizeimarke um, und in diesem Moment wird alles zusammenbrechen. Bist du darauf vorbereitet?“ fragt Tubbs kurz vor einem der erstaunlichsten Showdowns der letzten Jahre unter einem grauschwarzen Himmel, über den rötliche Wolken wabern, als brenne schon alles, was darunter liegt, und Crockett antwortet: „Ganz und gar nicht.“

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