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Video-Filmkritik : Zwei, die sich in Zeitlupe verfehlen

Bild: Prokino

In Ned Bensons Regiedebüt „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ spielen Jessica Chastain und James McAvoy ein junges Paar, über deren Liebe eine dunkle rätselhafte Wolke schwebt.

          Wenn Isabelle Huppert in einem amerikanischen Film auftritt, ist das allein schon ein Grund, genauer hinzuschauen. Schließlich hat sie erst zweimal jenseits des Atlantiks vor der Kamera gestanden, vor gut dreißig Jahren in „Heaven’s Gate“ und vor zehn in „I Heart Huckabees“, und beide Male haben die Filme mehr von der Sehnsucht der Regisseure erzählt, sich europäischen Vorbildern, als von Hupperts Wunsch, sich amerikanischen Standards anzunähern.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Ned Bensons Kinodebüt „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ spielt Isabelle Huppert nun die Mutter der Hauptfigur, eine Konzertpianistin, die für ihr Kind (Jessica Chastain) ihre Karriere aufgegeben hat - eine Rolle, die im Wesentlichen darin besteht, der Tochter, die nach einem Selbstmordversuch zu ihren Eltern zurückgezogen ist, zartbittere Ermahnungen zu geben, dem Ehemann (William Hurt), einem Psychologieprofessor, stumme Vorwürfe zu machen und dabei halbgefüllte Weingläser herumzutragen und mit Duldermiene auszutrinken. Man sieht ihr zu und fragt sich, was sie an diesem Part gereizt haben mag.

          Die Antwort gibt die Produktionsgeschichte des Films. „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ bestand ursprünglich aus zwei Filmen, „Her“ und „Him“, die das Zerbrechen einer jungen Ehe aus den unterschiedlichen Perspektiven der Frau und des Mannes schildern und auf dem Sundance Festival in Utah von Publikum und Presse gefeiert wurden. Dann bekamen „Her“ und „Him“ einen Verleih, und dieser zwang den Regisseur Benson, aus den beiden Filmen einen einzigen zu machen, der mit dem Untertitel „Them“ versehen in die Kinos kam, während seine beiden Vorläufer nur auf ein paar Arthouse-Leinwänden zu sehen waren.

          Die schwarze Wolke über ihrem Leben

          Der Film, der jetzt in Deutschland anläuft, ist also ein Kompromiss, und das sieht man ihm an. „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ beginnt in einem Restaurant, in dem Eleanor (Jessica Chastain) und Conor (James McAvoy) die Zeche prellen, dann laufen sie in einen Park und küssen sich unter den Sternen, umschwirrt von Glühwürmchen wie von einer Leuchtschrift des Glücks.

          In der nächsten Szene, Jahre später, stürzt sich Eleanor von der Manhattan Bridge, und der ganze Rest des Films ist dem Bemühen gewidmet, den Abgrund zwischen diesen beiden Momenten zu füllen: mit Bildern, in denen man sieht, wie Conor mit verzweifelter Geduld um Eleanor wirbt, wie sie ihn abweist, obwohl er vor ihren Augen in ein Auto läuft, wie er mit seinem Vater (Ciarán Hinds), dessen Restaurant er weiterführt, das austrägt, was alle Söhne mit ihren Vätern austragen, und wie Eleanor im Haus ihrer Eltern versucht, wieder das Mädchen zu werden, das sie einmal war, und wie ihr das von Mal zu Mal misslingt.

          Die schwarze Wolke, die über den beiden hängt, entlädt sich dabei nie, erst ganz am Ende nimmt sie in Form eines leeren, eingestaubten Kinderzimmers Gestalt an. Bis dahin folgt man Conor und Eleanor auf ihren Wegen durch New York, ohne genau zu verstehen, warum sich diese beiden so sehr hassen und lieben, dass sie weder zueinander noch zu irgendetwas anderem im Leben kommen.

          Dieses Rätsel hält unsere Neugierde auf das, was kommt, eine ganze Zeitlang in Gang, bis irgendwann klar wird, dass das Entscheidende in dieser Geschichte tatsächlich nicht ausgesprochen wird. Es geht um ein Tabu, ein Trauma, einen Schmerz, der so tief ist, dass er nicht in Worte gefasst werden kann, und um ein Ereignis, auf das es keinen gemeinsamen Blick mehr gibt. Um das also, was Menschen für immer voneinander entfernt - oder sie irgendwann, so wie hier, doch wieder zusammenbringt.

          Eben deshalb hat Ned Benson, der die Geschichte gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin Jessica Chastain entwickelte, zwei Filme gedreht, einen aus dem Blickwinkel des Mannes und einen aus dem der Frau. Für die Verleihfassung musste er beide Blicke miteinander vermischen, und in dieser erpressten Vereinigung hat sich der ästhetische Reiz seines Projekts in Luft aufgelöst. „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ ist immer noch ein sympathischer, aber leider kein klarer und wahrhaftiger Film mehr. Daran kann auch Isabelle Huppert, die den Lebensüberdruss ihrer Figur mit der Präzision eines Metronoms durch die Bilder schwingen lässt, nichts ändern.

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