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Filmkritik : Das Herz altert zuletzt: „Rocky Balboa“

Film-Kritik: Sylvester Stallone als "Rocky Balboa" Bild: 20th Century Fox

Fast dreißig Jahre nach dem ersten „Rocky“-Film tritt Sylvester Stallone als Rocky Balboa noch einmal an, um zu beweisen, dass Siegen nicht alles ist und es auch beim Boxen nur darum geht, die eigene Würde zu bewahren.

          Das Letzte, was sich Sieger und Besiegter damals zu sagen hatten, war, dass dieser Kampf eine einmalige Sache war: „Es gibt keine Revanche!“, keuchte Apollo Creed, worauf der nur nach Punkten unterlegene Rocky Balboa sagte: „Ich will auch keine Revanche.“ Sylvester Stallone hatte in der Titelrolle des „Rocky“ unter der Regie von John G. Avildsen und nach eigenem Drehbuch seine Mission auf Anhieb erfüllt. Das Drama vom Außenseiter, der seine Chance bekommt und sich dann mehr als wacker schlägt, war zu Ende; mehr gab es nicht zu erzählen. Aus Rocky, dem einfachen, aber mit dem unersetzlichen Wissen des Verlierers gesegneten, grundehrlichen Mann, wurde danach eine Kampfmaschine, die zwar athletisch beeindruckte, aber unter der ideologischen Überfrachtung zusammenbrach.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Sylvester Stallone muss gespürt haben, dass er mit der Ausweitung der individuellen Perspektive in den politischen Zeitgeist seiner einfach-genialen Idee untreu werden würde, und fuhr deshalb seit 1982 zweigleisig: Die „Rambo“-Reihe konnte ihrem Zweck - nämlich in ideologisch streng determinierten Zeiten etwas auszusagen über die uramerikanische Mentalität -, viel unverhohlener nachgehen. Natürlich war auch der Ur-“Rocky“ von 1976 nicht ohne Tuchfühlung zu seiner Zeit; aber der Bezug zur aufkommenden Carter-Ära, die schon deshalb lichter zu werden schien, weil der Vietnam-Krieg zu Ende war, gab nur die Folie ab, auf der sich die Aufsteigergeschichte desto plausibler erzählen ließ. Bei „Rocky II“, 1978 von Stallone selbst und nicht schlecht inszeniert, funktionierte sie schon nicht mehr: Der schließlich gewonnene Titel brachte Wohlstand und Sättigung für einen Helden, der sich nur in der Aufwärtsbewegung glaubwürdig ausnahm.

          Sinatra hat es schon immer gesagt

          Aus all dem wäre zu folgern, dass man einen Film wie „Rocky“, der drei Oscars gewann und wohl einer der besten Filme der siebziger Jahre ist, nur einmal machen kann. They never come back - diese Regel hatten aber gerade die großen Boxer gebrochen: Muhammad Ali, der das reale Vorbild für das schwarze, smarte Großmaul Apollo Creed abgab, und George Foreman, der mit fünfundvierzig Jahren noch einmal Weltmeister wurde. Sylvester Stallone ist jetzt sechzig und konnte sich an einen sechsten und nun wohl wirklich allerletzten Teil nur deswegen wagen, weil er sich eine andere Weisheit zu eigen gemacht hat, an der man in unseren comebackseligen Zeiten kaum noch vorbeikommt und die er dann auch zitiert. It's not ...

          Dafür muss Stallone dahin zurückkehren, wo er ganz am Anfang stand: in die Einsamkeit. Seine Frau Adrian (damals gespielt von Talia Shire), die er mit Hartnäckigkeit, Witz und Wärme zum Blühen gebracht hatte, ist tot; das Restaurant, das ihren Namen trägt, dient ihm vor allem dazu, helmutrahn-haft seine sportliche Legende zu verwalten; sein Sohn, ein blasser Angestellter, der sich schikanieren lässt, ist ihm entfremdet; und Paulie, sein ewig zu kurz gekommener Schwager (abermals stimmig: Burt Young), ist noch älter geworden als er selbst.

          Rocky - ein zutiefst sympathischer Mann

          Man mag einwenden, dass ein Sechzigjähriger, der es sportlich noch einmal wissen will, noch unglaubwürdiger ist als die comic- und klischeehaften Fights, in die Stallone seine Helden in den achtziger Jahren schickte. Aber darum geht es hier gar nicht; abgesehen davon, dass der Film jede konkrete Altersangabe vermeidet. Man spürt, wie viele Jahre vergangen sind; doch wenn man Rocky das erste Mal sieht, wie er aus seinem kleinen Reihenhaus heraustritt, meint man, die Zeit, die das große Thema dieses Films ist, wäre stehengeblieben: Der gutmütig-bärenhafte Gang, der Hut - Rocky ist immer noch ein zutiefst sympathischer Mann.

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