https://www.faz.net/-gs6-nos7

Filmkritik : Bildgewalttätig: Mel Gibsons „Apocalypto“

Film-Kritik: Rudy Youngblood in "Apocalypto" Bild: Constantin-Film

Erste Gerüchte um Mel Gibsons neues Werk „Apocalypto“ versetzten die Filmbosse in Sorge, der Außenseiter könnte ihnen mit dem Film, der jetzt in die Kinos kommt, den Oscar wegschnappen. Keine Sorge. Die Filmkritik.

          Im letzten Sommer lief es ja nicht ganz so gut für Mel Gibson. Er hatte zuviel getrunken, sich ans Steuer gesetzt, und als die Polizei ihn anhielt, sprudelten lauter antisemitische Sätze aus ihm hervor. Das war überraschend - daß so viele von dieser Tirade überrascht waren, Leute, die doch vermutlich auch „Die Passion Christi“ gesehen hatten. Das ohnehin schon leicht ramponierte Image des Fünfzigjährigen verfiel weiter, obwohl er sich mäßig zerknirscht zeigte, wie sich das für einen Hardcore-Katholiken gehört.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Einflußreiche Hollywood-Manager erklärten offen, nie wieder mit ihm zusammenarbeiten oder sich auch nur einen seiner Filme ansehen zu wollen. Aber weil man der Haltbarkeit solcher Schwüre offenbar nicht recht traut, herrscht jetzt wieder Unruhe, kaum daß die ersten amerikanischen Kritiken zu Gibsons neuem Film „Apocalypto“ sehr positiv ausfielen: Ob sich die Academy womöglich trauen wird, den Film für die Oscars in die engere Wahl zu ziehen?

          Mel Gibson und die Qual des Fleisches

          Man sollte sich darüber nicht allzu viele Sorgen machen. Untertitel im Kino verschrecken das Publikum mehr als antisemitische Äußerungen auf der Straße. Denn statt Aramäisch und Latein wie in der „Passion Christi“ wird hier Mayathan gesprochen, statt auf den Kalvarienberg geht's in den Dschungel von Yucatan, doch die Qual des Fleisches - das ist auch diesmal Mel Gibsons große Mission.

          Wieder reist er zurück in eine Vergangenheit, von der auch Historiker nur ein sehr unscharfes Bild rekonstruieren können; wie schon in „Braveheart“ (1995), der an der Wende zum 14. Jahrhundert spielte, ist die Welt der Mayas um 1500 weit genug von unserer Zivilisation entfernt, um diverse Grausamkeiten zu lizenzieren, und zugleich nah genug, um der Gegenwart einen trüben Spiegel vorzuhalten. Und weil Gibson für den edlen Wilden nicht allzuviel übrig hat, weil ihm das, was er für kulturell legitimierte Barbarei hält, interessanter erscheint, haben ihn manche einen Sadisten („Hollywood Reporter“) genannt oder einen „Primitiven“ („Time“), und das Branchenblatt „Variety“ sprach wie ein verständnisvoller Therapeut: „Die Dämonen, die sein Privatleben verwüsten, beflügeln seine Kreativität.“ Das sagt sich so schön, fast so schön wie die Formel von der Sucht nach den nie zuvor gesehenen Bildern.

          Mayas im Blutrausch

          Es ist, keine Frage, schon ziemlich eindrucksvoll, wie Dean Semlers Digitalkamera mit ungeheurer Beweglichkeit durch den Dschungel stolpert, taumelt, klettert und rennt. Sie folgt dem schwarzen Panther, welcher den Helden namens Jaguarkralle jagt, sie ist mitten im Getümmel, wenn die Keulen niedersausen, und schwebt gravitätisch über den Massen, die sich um eine Pyramide scharen. Denn wie die Schotten brüllten und die Juden den Tod Christi verlangten, so berauschen sich die Mayas an Menschenopfern und rollenden Köpfen. Daß allerdings angesichts einer Sonnenfinsternis selbst unter den Hohepriestern leichte Hysterie ausbricht, ist insofern erstaunlich, als die Mayas eine Menge von Astronomie verstanden.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Ansicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Ansicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und non-stop Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt, und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte erklärt FAZ-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Jeder hat sein Kreuz zu tragen: Matteo Salvini am Strand auf Sizilien.

          Italienische Regierung : Ohne den Segen des Papstes

          Italiens Innenminister Salvini gibt sich gerne als gläubiger Christ. Damit hat er den Zorn Franziskus’ auf sich gezogen – und am Ende auch den des scheidenden Ministerpräsidenten Conte.

          An Scholz’ Seite : Manchmal liegt das Glück ganz nah

          Das Rennen um den SPD-Vorsitz geht weiter: Wofür die Kandidatin an Scholz’ Seite steht – und wieso der erfolgsverwöhnte Niedersachse Stephan Weil plötzlich beschädigt ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.