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Filmkritik : Autofahren wie noch nie

Film-Kritik: Rennauto Lightning McQueen in "Cars" Bild: Walt Disney Pictures/ Pixar Animation Studios

Ein Wunderwerk an trickreichem Selbstvertrauen: Das amerikanische Pixar-Studio bringt mit „Cars“ sein neuestes Animationswerk in die Kinos - da kommen sogar Autofreunde auf ihre Kosten.

          4 Min.

          Es ist der Film der großen Gesten. Und wie alle großen Gesten ist er auch selbst ein bißchen peinlich. Das fängt damit an, daß das Animationsstudio Pixar nach Spielzeug, Käfern, Monstern, Fischen und Superhelden ein neues Sujet für seine Trickfilme suchte. Gut verkäuflich sollte es natürlich sein, wobei die Erfahrung mit „Findet Nemo“ bewiesen hat, daß selbst Figuren, die zuvor als geradezu animationsfeindlich betrachtet wurden - Meeresbewohner mit statischem Mienenspiel und ohne Gliedmaßen -, noch zu einem Kassenschlager werden können, wenn man nur die richtigen Leute heranläßt. Und die hat Pixar. Seit 1995, als „Toy Story“ ins Kino kam, ist das mittlerweile von Disney aufgekaufte Studio nie mehr aus der Erfolgsspur geraten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Nun also Autos - im neuen Pixar-Film „Cars“. Was wäre auch für ein amerikanisches Publikum Vertrauteres denkbar gewesen, solange man nicht Klimaanlagen als lebendige Wesen agieren sehen möchte? Und hat die Frontpartie von Kraftfahrzeugen nicht einige Ähnlichkeit mit Gesichtern: Kühlergrill als Mund, Scheinwerfer als Augen? Aber hier kommt schon die erste Überraschung. Sie zeigt, wie konsequent der Pixar-Gründer und „Cars“-Regisseur John Lasseter alle gängigen Muster der Automobil-Ästhetik bei der Gestaltung der Figuren in Frage hat stellen lassen. Als Augen der lebendigen Fahrzeuge im Film dienen die Windschutzscheiben: einfach zwei bewegliche Pupillen hinein, dazu einen technisch unerklärlichen Lidschlag, der mit größter Finesse gestaltet ist, nämlich als ob Scheibenwischerspuren über das Auge huschten - fertig ist eine Expressivität, die jedes Auto in „Cars“ als geradezu beseelt zeigt. Kleine Variationen im Design, die an körperliche Merkmale erinnern - ein Kühler in Schnurrbartform etwa, Zieraufkleber wie Tätowierungen -, sorgen neben den ohnehin unterschiedlichen Fahrzeugtypen für die Individualität der Figuren.

          Meisterwerk des anarchischen Zeichentrickhumors

          Neu ist das nicht, vielmehr greift Lasseter wie schon häufig auf teils uralte Tricktraditionen zurück. Das Vorbild für „Cars“ ist eine Episode aus dem 1948 entstandenen Disney-Film „Melody Time“, in der die Geschichte des Schleppkahns Klein-Tut erzählt wurde, der sich gegen die Bedenken seines Vaters Groß-Tut im Beruf durchsetzen muß. In diesen acht Minuten steckt mit Ausnahme der pixartypischen Computertechnik schon die ganze Grundästhetik von „Cars“: Als Augen dienen auch in „Little Toot“ die Scheiben des Führerhauses, der Schiffsbug vertritt den Mund, und sogar der nette Einfall mit dem Schnauzkühler ist hier vorweggenommen, wenn ein Stoßfänger am Bug von Groß-Tut wie ein Vollbart gezeichnet wird.

          Nun ist es gerade eine Stärke von Pixar, daß bei aller Revolution, die das Studio im Animationsgeschäft angezettelt hat, immer eine tiefe Achtung vor der Geschichte des Genres spürbar geblieben ist. Daraus resultieren die großen Gesten von „Cars“. Die kleinste dieser großen Gesten kommt schon vor dem Film, denn Pixar hat ihm einen Kurzfilm vorangestellt: „Die Ein-Mann-Band“. Schon der Titel legt die Hommage offen: Seinen ersten Oscar holte sich das junge Studio 1989 mit „Tin Toy“, einer grandiosen fünfminütigen Caprice, die ein Blechspielzeug - eine kleine One-Man-Band - auf ein gigantisch wirkendes Baby treffen ließ. Im neuen Kurzfilm ist es umgekehrt: Eine echte One-Man-Band buhlt um die Gunst (und das Geldstück) eines winzigen Mädchens. Pixar hat hier die eigene Trickgeschichte weiterentwickelt und ein Meisterwerk des anarchischen Zeichentrickhumors geschaffen.

          Stau vor der Damentoilette

          Dann aber beginnt „Cars“, der offizielle Jubiläumsfilm zum zwanzigsten Studiogeburtstag, und er tut es mit einem fulminanten Autorennen auf einer Hochgeschwindigkeitsstrecke, deren Tribünen natürlich auch nur mit Autos besetzt sind. Was für ein Feuerwerk an Gags und Skurrilitäten Lasseter von seinen Zeichnern hat unterbringen lassen, wird erst die DVD erweisen - es ist zuviel für einen einzelnen Kinobesuch. Erwähnt an wunderbaren Einfällen seien nur Insekten, die als winzige geflügelte VW-Käfer gestaltet sind, und ein Stau vor der Damentoilette, während die männlichen Automobile auf der Nebenspur im Eiltempo zu den ihnen vorbehaltenen Aborten rauschen.

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