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Filmkritik : Aussichtslos: „Montag kommen die Fenster“

Isabelle Menke in "Montag kommen die Fenster" Bild: Ö-Filmproduktion

Wenn man „Montag kommen die Fenster“ sieht, erkennt man, warum Ulrich Köhler zu den deutschen Kino-Hoffnungen zählt: Anstatt eine „wahre Geschichte“ nachzuerzählen, schärft er mit seinen Fiktionen den Blick auf die Wirklichkeit.

          Nina (Isabelle Menke) ist abgehauen, vor ihrem Mann, ihrem Kind, ihrem Leben. Sie fährt mit dem Fahrrad durch den Wald, zu einem Hotel, das zwischen den Tannen auftaucht wie eine Fata Morgana. Drinnen streift sie durch die Küchen und Korridore, geht in ein Zimmer und schaut Leuten zu, die im geheizten Pool plantschen oder einen alternden Tennisstar bewundern, der in dem Hotel seine letzten Karriererunden dreht. Am nächsten Morgen steht David, der Tennisspieler (der von Ilie Nastase mit stoischer Selbstironie verkörpert wird) in Ninas Zimmer. Sie trinken zusammen. Er möchte wissen, wer sie ist. Sie sagt: „Ich wurde bezahlt, um hier zu sein.“ Er antwortet: „Ich auch.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          „Morgen kommen die Fenster“ spielt in Kassel und im Harz, in der Landschaft der Gebrüder Grimm. Nicht nur deshalb kann in diesem Film fast alles passieren, die alltagsrealistische Oberfläche der Geschichte, die er entwirft, ist purer Trug. Gleich in der ersten Szene geht es auf vertrackte Weise um Leben und Tod, denn Frieder (Hans-Jochen Wagner), Ninas Mann, ist mit der gemeinsamen Tochter zu seiner Frau ins Krankenhaus gekommen, wo Nina als Anästhesistin arbeitet. Sie will die beiden nach Hause schicken, aber Frieder und das Kind spielen mit den Sauerstoffgeräten, und für einen Moment wirkt das Bild des Mädchens auf dem Notbett wie eine schlimme Prophezeihung. Am Ende ist es dann einer von Ninas Patienten, der gestorben ist; bei einem Fahrradunfall, heißt es, sei er verblutet. Die Ärztin und ihr Mann sind zur Beerdigung eingeladen, aber auf dem Parkplatz vor dem Friedhof versuchen sie lieber, ihre kaputte Beziehung zu reparieren, was nur halb gelingt.

          Zwischen den Bildern

          Ulrich Köhlers zweiter Spielfilm ist, ebenso wie sein Regiedebüt „Bungalow“ vor drei Jahren, eine Produktion des Kleinen Fernsehspiels im ZDF. Er muß sich also nicht an die Spielregeln halten, die für deutsche Fernseh- und Kinofilme sonst gelten, und diese Freiheit nutzt er nach Kräften - zum Beispiel dadurch, daß er viele seiner Szenen als ungeschnittene Plansequenzen inszeniert, so daß erlebte und erzählte Zeit zur Deckung kommen, was den Wirklichkeitsgehalt des Geschehens spürbar erhöht; oder indem er sich den Luxus leistet, nicht mit einem sauber aufgehenden Plot, sondern mit Fragmenten einer Geschichte zu arbeiten, die sich erst im Kopf des Betrachters zusammenfügen. Das Eigentliche geschieht in „Montag kommen die Fenster“ zwischen den Bildern, dort, wo die Träume und Phantasien der Figuren stecken. Das Haus, in dem Nina und Frieder am Anfang des Films wohnen, ist ein Provisorium, die Fenster, die am Montag kommen sollen, sind auch am Schluß noch nicht da. Stattdessen blickt die Kamera immer wieder durch Auto- und Straßenbahnfenster auf ein müdes, traumloses, winterliches Land, eine Landschaft nach den Märchen.

          Für die französische Filmkritik ist Ulrich Köhler seit „Bungalow“ eine feste Größe, die „Cahiers du Cinéma“ zählen ihn zu den deutschen Kino-Hoffnungen. Diese Verehrung mag man übertrieben finden, aber wenn man „Montag kommen die Fenster“ sieht, erkennt man, daß sie nicht aus der Luft gegriffen ist. Denn Köhler gehört zu den derzeit seltenen deutschen Regisseuren, die keine „wahre Geschichte“ nacherzählen, sondern durch Fiktionen den Blick auf die Wirklichkeit schärfer stellen. Kassel, man höre und staune, steht jetzt auf der Landkarte des deutschen Films.

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