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Video-Filmkritik: „Elle“ : Eine für sich statt für alle

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„Elle“ ist ein Gesellschaftsdrama, das sich so lange auf verschiedenen Ebenen verdoppelt und vervielfacht, bis man es nicht mehr anders ernstnehmen kann, als mit radikaler Ambivalenz. Im Mittelpunkt steht eine Frau in den besten Jahren, die zwischendurch aber auch unverhohlen als eine „welke Blume“ bezeichnet wird. Michèle bekommt es aber auch noch mit weiteren Beschreibungen ihrer Physiognomie zu tun, die hier aus Gründen der guten Sitten nicht zitiert werden können. Sie wird außerdem Opfer eines Cyberstalkers, der sie mit digitalen Phantasien vielleicht stärker bedrängt als der Vergewaltiger, gegen den man sich immerhin mit Pfefferspray notdürftig wappnen kann und der mit seiner körperlichen Präsenz zumindest einen wenn auch ungleichen Kampf erlaubt. Bilder aber kann man nicht „unsehen“. Verhoeven war immer ein Filmemacher, der die Subversion an der Oberfläche versteckt hat. Nicht immer hat das gut funktioniert (über „Showgirls“ wird immer noch gestritten, und „Basic Instinct“ ist sicher eher auf eine exploitative Weise feministisch), aber in „Elle“ findet er das richtige Maß zwischen dem Voyeurismus des Publikums und der Autonomie seiner zentralen Figur. Wir sehen viel, wir können uns mehr denken, aber wir bleiben außen vor, während Michèle von Penetrationsphantasien förmlich umstellt ist.

An die Grenzen einer komplexen Subjektivität

Mit der Männlichkeit ist es nicht immer so weit her, wie es auf den ersten Blick der Fall ist. Verhoeven macht das auf seine Weise deutlich, wenn er Michèle einen Vogel, den die Katze gewildert hat, umsorgen lässt. „Ich kann einen Spatz nicht intubieren“, beteuert der Veterinär, und man meint, einen Befund über die Virilität in Michèles Umfeld zu hören. In Momenten wie diesem grenzt „Elle“ hart an eine ausdrückliche Satire, wie auch in der zentralen, frühen Szene eines Abendessens unter zwei Paaren, bei dem der Champagner noch einmal fünf Minuten warten muss, denn gerade hat Michèle von ihrer Vergewaltigung erzählt. Der Mann, der für das daraufhin erforderliche Gespräch fünf Minuten anberaumt, bevor dann doch der Korken knallen darf, wird vom dem Deutschen Christian Berkel gespielt – eine von vielen klugen Besetzungen in „Elle“, auch wenn Berkel das zweifelhafte Privileg bekam, den größten Idioten in diesem wunderbaren Ensemblefilm zu spielen.

Die Pointe ist natürlich, dass Michèle nicht einmal fünf Minuten auf die Diskussion ihrer Befindlichkeit verwenden will, sondern gleich zur Tagesordung übergehen. Sie möchte nicht zur Polizei gehen, keine „Schlammschlacht“ haben, wie es schon einmal eine in ihrem Leben gab, als ihr Vater die Nation schockierte. Aber hinter diesem spezifischen Motiv wird Grundsätzlicheres erkennbar: ein Selbstverhältnis, das durch Distanz geprägt ist und doch die Rätsel des Genießens nicht verleugnet. Michèle führt uns an die Grenzen einer komplexen Subjektivität, und das geht wohl nur mit einer Vertreterin des „schwachen“ Geschlechts, mit einer verwundbaren Frau, die noch in der extremsten Entäußerung nicht gewillt scheint, sich überwältigen zu lassen. Nicht von den Geschehnissen und schon gar nicht von sich selbst.

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