https://www.faz.net/-gs6-3xvp

Film der Woche : In der Klamm der Geschichte: „Der Herr der Ringe II“

Video-Kritik: John Rhys-Davies als Zwerg Gimli in "Der Herr der Ringe - Die zwei Türme" Bild: Warner Bros. Film

Die Macht der Moderne und die Magie des Mittelalters sind in Tolkiens Welt kein Widerspruch: "Der Herr der Ringe II" verwandelt das Kino in einen Themenpark.

          5 Min.

          Beginnen wir, bevor wir uns dem vermutlich erfolgreichsten Film der kommenden zwölf Monate zuwenden, mit einer kleinen Rückblende in eine Welt vor unserer Zeit. Damals, im Kriegswinter 1914/15, schrieb ein junger deutscher Literaturprofessor an seiner "Theorie des Romans", die er mit einer Hymne auf die klassische Epik eröffnete: "Selig die Zeiten, für die der Sternenhimmel die Landkarte der gangbaren und zu gehenden Wege ist . . .". Der Mann hieß Georg Lukács, und der Bildungsroman des neunzehnten Jahrhunderts, dem seine Studie galt, war zum Zeitpunkt ihrer Abfassung längst Geschichte. Statt dessen stand, durch den Zivilisationsbruch des Weltkriegs befördert, die Wiederauferstehung just jener epischen Formen bevor, deren Totenlied unser Autor gerade sang - bei Marcel Proust und James Joyce, bei Pound und Musil und anderen mehr. Aber davon wußte Georg Lukács noch nichts.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Er wußte auch nichts von jenem seltsamen Namensvetter, der sechzig Jahre später mit einer Art epischer Landkarte des Sternenhimmels bei den Studiobossen der Twentieth Century Fox in Hollywood vorstellig wurde. Dieser Mann - er hieß George Lucas - hatte eine breitangelegte Generationengeschichte aus einer Welt lang vor unserer Zeit entworfen und wollte daraus einen Film machen, oder besser: neun Filme. Aber dann wurde es doch fürs erste nur einer: "Krieg der Sterne". Dieser aber hatte einen so gewaltigen Erfolg, daß drei Jahre später ein zweiter folgte und noch einmal drei Jahre später ein dritter; und als George Lucas nach zehn Jahren erfolgloser Versuche in anderen Genres endlich einsah, daß er für immer an den "Krieg der Sterne" gekettet war, da beschloß er, an die erste Trilogie in umgekehrter zeitlicher Folge noch eine zweite zu heften, eine Vorgängersaga. Und wenn ihm genügend Lebenszeit bleibt, dann wird Lucas auch noch eine dritte Trilogie aus seinem Stoff herausmendeln, solange, bis die drei Ringe des Sternen-Epos vollendet sind.

          Natürlich hatte Lucas Tolkien gelesen, als er sein Projekt entwarf. So wie Tolkien Lukács gelesen hat - oder zumindest die Epen, auf die dieser sich bezog: die "Ilias" und die "Odyssee", den "Beowulf" und die Artussage, die Gesänge der Edda und die "Divina Commedia", das Rolandslied und den "Parzival". Denn John Ronald Reuel Tolkien, Professor für angelsächsische Sprachen und Literatur in Oxford, war ein Experte für klassische Epik - und ein glühender Hasser der Moderne, die er in seinen Kindheitsjahren in einem Vorort von Birmingham von ihrer pechschwarzen Seite kennengelernt hatte. Im Jahr 1915 allerdings war Tolkien noch nicht Professor, sondern Soldat. Er bereitete sich auf seinen Einsatz gegen das Reich Mordor vor, das damals noch Deutsches Kaiserreich hieß und gerade die Ebenen von Rohan-Flandern mit seinen grauen Horden überschwemmte. Der Ekel und die Angst, die Tolkien in den Schützengräben an der Somme kennenlernen sollte, flossen drei Jahrzehnte später in seine Beschreibung der Totensümpfe von Dagorlad und der Ork-Bataillone vor Helms Klamm ein, so wie in den Bergwerken von Orthanc und den glühenden Essen von Gorgoroth ein Stück des industriellen Birmingham weiterlebt. Die Tolkien-Forschung aber beißt sich bis heute am Zweiten Weltkrieg fest, den der Professor bloß als Zeitungsleser mitverfolgte.

          Man muß von Lukács und Lucas reden, wenn man über Tolkien spricht, denn der "Herr der Ringe" ist das missing link zwischen der "Theorie des Romans" und dem "Krieg der Sterne", so wie Peter Jacksons Verfilmung das Bindeglied zwischen der retrospektiven Epochenstimmung im Westen und den gleichzeitigen Fortschritten der Computeranimation bildet. Denn Tolkien machte, auf allerdings karikaturhafte Weise, mit der Sehnsucht des Romantheoretikers nach einer "abgerundeten Welt" des "fertig daseienden Sinnes" ernst. Mit dem "Herrn der Ringe" und seinen belletristischen Beibooten entwarf er diese Welt: ein abgeschlossenes Erzähl-Universum mit eigener Kosmogonie, eigener Zeitrechnung und Raumgestalt. In dieser Aufzählung steht freilich der entscheidende Begriff am Ende. Die Topographie, die räumliche Beschreibung von Mittelerde, ist das erzählerische Kernproblem der "Ringe"-Trilogie. Tolkien hat es teilweise gelöst, indem er seinen Helden Frodo Beutlin diese Welt von Nordwesten nach Südosten durchqueren und auf dem Weg die Vertreter einiger seitab liegender Landschaften treffen läßt. Tolkiens Verleger haben es endgültig gelöst, indem sie seit den sechziger Jahren jeder neuen Ausgabe des "Herrn der Ringe" eine Landkarte von Mittelerde beilegten. Mit Tolkien beginnt die Ära der Fantasy-Kartographie. Die Welt über unseren Köpfen ist seit Einstein grenzenlos; die Welt in unseren Büchern wird wieder Karte.

          Weitere Themen

          Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane Video-Seite öffnen

          Festnahme : Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane

          Auf der Art Basel in Miami hat ein Performance-Künstler eine an die Wand geklebte Banane aufgegessen, die ein Werk des Italieners Maurizio Cattelan und bereits für einen sechsstelligen Betrag verkauft worden war.

          Topmeldungen

          Schriftsteller Peter Handke

          Streit über Peter Handke : Groteske Geschichtsklitterung

          Heute wird Peter Handke in Stockholm der Literaturnobelpreis verliehen. Die Debatte um seine Auszeichnung zeigt, wie anfällig selbst solche Milieus für Verschwörungstheorien sind, die sich für aufgeklärt und weltoffen halten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.