https://www.faz.net/-gs6-4580

Film der Woche : Der Ruheständler

Film-Kritik: Jack Nicholson in "About Schmidt" Bild: Warner Bros.

Wer hätte gedacht, daß Jack Nicholson einmal einen absolut durchschnittlichen Amerikaner spielen könnte? „About Schmidt“ mit dem Oscar-nominierten Nicholson in der Videokritik von FAZ.NET.

          3 Min.

          In diesem Film unternimmt Jack Nicholson die herkulische Anstrengung, sämtliche Jack-Nicholson-Tricks zwei Stunden lang zu unterdrücken. Also kein Haifischgrinsen mit gebleckten Zähnen. Kein Grunzen, kein Pferdeschnauben, kein "Here's Johnny!" und andere Kernsprüche.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Kein Reptilienblick unter Augenbrauenwülsten, kein genüßliches Kratzen am Skalp, kein Herumfingern an großkalibrigen Waffen. Kein Pinkeln auf anderer Leute Schuhe (statt dessen mannhaftes Urinieren auf die eigenen Füße - aber davon später). Kein Jack-Nicholson-Gang, kein Jack-Nicholson-Gebrüll. Bloß Jack Nicholson. Ein Mann Mitte Sechzig, schwerfällig, untersetzt, mit gelichtetem Haar. Jack der Rentner.

          Der Mann, den Nicholson in Alexander Paynes "About Schmidt" spielt, geht gerade in Rente. Der Film beginnt an seinem letzten Arbeitstag: Warren C. Schmidt, leitender Angestellter der Woodman Versicherungsgesellschaft in Omaha, Nebraska, wird mit einem Festessen unter Kollegen in den Ruhestand entlassen. Aber Schmidt sitzt wie ein Stein bei seiner eigenen Feier. Im ersten unbewachten Moment stiehlt er sich fort an die Bar. Man spürt, für Warren Schmidt beginnt eine schlimme Zeit.

          Ein Durchschnittsamerikaner

          Jener Schmidt, von dem Louis Begleys gleichnamiger Roman erzählt, hieß Albert: ein wohlhabender New Yorker Anwalt, der den Krebstod seiner Frau, die Heirat seiner Tochter und die Bocksprünge seiner verglühenden Libido verkraften mußte. Warren Schmidt ist sein Gegenbild - und sein Bruder. Ein Mann aus dem mittleren Westen, ein Durchschnittsamerikaner. Wenn man ihn ansieht, kann man die Namen der Präsidenten erraten, die er in seinem Leben gewählt hat: Eisenhower, Johnson, Nixon, Reagan, Bush. Fünfundsechzig Jahre ohne Experimente.

          Doch nun hat Schmidts Gattin, die er heimlich verachtet - nicht nur, weil sie ihm das Stehpinkeln in der Toilette verboten hat -, ein gewaltiges Wohnmobil zur Erkundung des nordamerikanischen Kontinents angeschafft, einen Winnebago Adventurer, elf Meter lang, drei Meter breit. Am Morgen nach seiner Pensionierung kredenzt sie ihrem Mann darin das Frühstück. Zwei Tage später ist sie tot.

          Anekdotische Wahrheiten

          An diesem Punkt würde in anderen Filmen eine zarte, späte Liebesgeschichte beginnen, nach dem Muster: trauernder Witwer trifft lebenshungrige junge Frau; und auch bei Begley spielt sich, literarisch veredelt, etwas dergleichen ab. Nicht so bei Alexander Payne, der schon in "Citizen Ruth" (1996) und "Election" (1999) gezeigt hat, wie man die Regeln des Kinoerzählens auf intelligente Weise bricht.

          Payne interessiert sich eher für anekdotische Wahrheiten in seinen Geschichten als für dramatische Lösungen, und so ist auch in "About Schmidt" alles eine Nummer kleiner als gewohnt: Schmidt, vereinsamt und zur Hausarbeit ungeeignet, setzt sich in seinen Winnebago und bricht auf, aber nicht ins Ungewisse, sondern zu seiner Tochter Jeannie (Hope Davis) nach Detroit; auf dem Weg besucht er seine Heimatstadt und seine Universität und trifft in einem Trailerpark eine Frau, die ihn als "traurigen, traurigen Mann" durchschaut und tröstet; doch als er sie küssen will, setzt sie ihn vor die Tür.

          Schwer zu sagen, wie das alles auf einen Zuschauer wirken mag, der noch nie einen Film mit Jack Nicholson gesehen hat. Denn "About Schmidt" handelt ebensosehr von dem, was Nicholson auf der Leinwand tut, wie von dem, was er nicht tut; von letzterem eigentlich noch mehr. Der Film zehrt von den Erwartungen, die er düpiert. Wie Warren Schmidt hebt auch Payne seine Trümpfe bis zum letzten, alles entscheidenden Moment auf, den Moment, in dem sein Held in der Kirche steht, in der seine Tochter Jeannie den Wasserbettenverkäufer Randall (Dermot Mulroney) heiraten soll.

          Der Wolf wacht nicht auf

          Schmidt ist nach Detroit gefahren, um ebendiesen Bund zu verhindern, und wer je einen Blick in Stanley Kubricks "Shining" oder "Wolf" von Mike Nichols getan hat, kann sich mühelos ausmalen, wie der Nicholson jener Filme mit einer mannstollen künftigen Schwiegermutter (Kathy Bates) und ihrer spießigen Sippschaft fertig werden würde. Aber dies ist eben nicht Jack-der-Wolf, sondern Schmidt, und so geschieht - nichts. Unser Held läßt die Arme sinken, er hält eine Hochzeitsrede, wie es sich gehört, dann steigt er in sein Wohnmobil und fährt zurück nach Omaha, Nebraska, vorbei an den Gedenkstätten dieses Landes, das einmal Pionierland war, letzte Station vor dem Aufbruch nach Westen, und das nun so alt und müde wirkt wie Warren Schmidt.

          Ein ruhiger Film, scheinbar. Aber unter seiner Oberfläche brodelt es, so wie es in Schmidts Gesicht zu brodeln scheint, ein Zucken hier, ein Stirnrunzeln dort - Hitzeschübe kurz vor der Explosion, die dann nicht kommt, weil der Treibsatz an Zorn und Enttäuschung nicht mehr ausreicht, die Masse Mensch in Bewegung zu setzen. Nur einem einzigen Menschen kann Warren Schmidt sein Leid klagen, und der ist weit, weit weg.

          Den Gefühlen eine Form

          Durch einen Fernsehwerbespot angeregt, hat der Ruheständler ein afrikanisches Waisenkind adoptiert, den sechsjährigen Ndugu. Was Schmidt der Welt nicht sagen will, das schreibt er - in langen Briefen, die er seinen monatlichen Schecks beifügt - dem kleinen Ndugu. Diese Bekenntnisse, von Nicholsons Stimme gelesen, strukturieren den Film, so wie sie Schmidts Gefühlen eine Form geben.

          Payne und sein Drehbuchautor Jim Taylor haben die Figur des Ndugu zu Begleys Roman dazuerfunden; sie steckt an jener Stelle in der Geschichte, wo bei Begley die sexuelle Versuchung in Gestalt einer jungen puertoricanischen Kellnerin steckt. Und so ist das Schlußbild dieses Films keine nackte Frau im Bett, sondern eine Kinderzeichnung. Warren Schmidt hält sie in den Händen, während ihm die Tränen übers Gesicht laufen. Er ist zurückgekehrt in die Welt, aus der ihn seine Pensionierung herausgerissen hat. Er ist zu Hause. Und wir mit ihm.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Amerikanische Linke : Selbst ernannte „Drecksäcke“

          Alles oder nichts: Wird ihr Favorit Bernie Sanders nicht Präsidentschaftskandidat, wollen linke Anhänger der Demokraten nicht zur Wahl gehen. Auch wenn Trump dadurch im Amt bleibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.