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Filmkritik: „Alles was kommt“ : Solange wir begehren, müssen wir nicht glücklich sein

Bild: dpa

Wie wollen wir leben, wenn unser sorgfältig eingerichtetes Leben zerfällt? In „Alles was kommt“ lernt Isabelle Huppert als Philosophielehrerin die Freiheit kennen.

          Ist die Ordnung, die ein Leben gefunden hat, ein Gefängnis? Zufriedenheit mit kleinen Ärgernissen, Ehe, Arbeit, Familie, ein Landhaus, viele Bücher – ist es eine Katastrophe oder eine Chance, wenn große Teile dessen, worin man sich eingerichtet hat, verlorengehen? Und wie unterscheidet sich die Lage, je nachdem, ob es ein Mann oder eine Frau ist, der das passiert?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sie ist immer in Bewegung. Große Schritte, schnelle Schritte, abrupte Wendungen, die Hände fliegen. Vor allem aber denkt sie schnell. Nathalie lehrt Philosophie in Paris. Sie hat einen Mann. Eine Tochter, einen Sohn. Einen Lehrbuchvertrag mit einem Verlag. Einen Lieblingsschüler. Routinen. Und immer Eile.

          Am Anfang sitzt sie in einem Boot und schreibt etwas in ein Notizbuch. Sie denkt nach. Draußen warten ihr Mann, ihre Kinder, der Himmel ist grau, und das Grab des Romantikers Chateaubriand, das sie bei Saint-Malo besuchen, bietet Anlass für einen kurzen Schlagabtausch mit ihrem Mann, der ebenfalls Philosophie unterrichtet. Das ist der Prolog, etwa zehn Jahre später geht es weiter. Mit derselben Familie. Ähnlichen Fragen. „Was hast du heute unterrichtet?“ „Empirismus und Rationalismus.“ Nichts Neues also.

          Die Suche nach dem Zerfall

          Bis alles doch ganz anders wird. „Alles was kommt“, der Film von Mia Hansen-Løve, der bei der vergangenen Berlinale den Silbernen Bären für die beste Regie gewann, erzählt elliptisch, mit großen Auslassungen. Er erzählt von dieser Frau Nathalie, die nach dem Zeitsprung etwa Ende fünfzig ist und für die im Lauf der Ereignisse das Gewohnte aufhört. Das Gewohnte, das ist ihre Ehe, das sind die wehleidigen Anrufe ihrer depressiven Mutter, das sind die regelmäßigen Neuauflagen ihrer Lehrbücher. All dies bröckelt nicht nur. Es zerfällt.

          Der Mann (André Marcon) hat eine Geliebte und zieht fort. Die Mutter stirbt. Der Verlag kündigt ihr. Und wir sehen, wie diese Frau einen Weg zu sich selbst sucht und dazu weniger ihre Gefühle als ihren Verstand benutzt. Der Mann in diesem Film sucht nichts. Er hat den Ort und die Frau gewechselt, seine Bücher eingepackt und sich wieder eingerichtet.

          Es geht um Nathalie. Der Film beschreibt ihre große Suchbewegung mit Fahrten zwischen Paris und der Bretagne und zurück, zwischen Paris und der Alpenlandschaft des Vercors. Er zeigt Nathalie mit ihren Schülern, die auf die Straße gehen, protestieren, über Anarchismus nachdenken. Nathalie und auch Fabien, ihr Lieblingsschüler (Roman Kolinka), sind wesentlich geprägt von dem, was sie lesen, worüber sie nachdenken. Nathalie liest, nachdem ihr Mann sie verlassen hat, ein Buch von Emmanuel Levinas.

          Man hat in diesem Film, in dem alles schnell geht und über dem dennoch eine ruhige Melancholie liegt, die schließlich in das Schubert-Lied „Auf dem Wasser zu singen“ mündet, den Eindruck, das Leben entfalte sich gerade, während der Film entsteht. Zwar wird Wesentliches gar nicht gezeigt, aber was wir sehen, folgt einem nahezu organischen Rhythmus, so dass sich die Frage stellt, wie weit das Leben der Figuren auf ihren Entscheidungen gründet oder ob es doch das Schicksal ist, dem sie sich ergeben. Wie beides miteinander verbunden ist oder ob überhaupt.

          Offen für alles, was kommt

          Isabelle Huppert spielt Nathalie. Die ideale Besetzung. Wie immer spielt sie auch diese Figur von innen heraus als eine Kämpferin. Sie ist klug, zart und schnell, und mit ihrer Kunst, Frauenfiguren zu verkörpern, die viele Talente und widerstrebende Leidenschaften in sich tragen, bringt sie in jede neue Rolle auch die Erinnerung an die zahlreichen früheren mit – wie sie Tochter zum Beispiel in „Liebe“ von Michael Haneke war, Mutter in der Hitze des „Tals der Liebe“ von Guillaume Nicloux oder Kaffeefarmerin in „White Material“ von Claire Denis, um nur einige der jüngsten zu nennen. Als Philosophielehrerin zitiert sie Rousseau mit derselben Zärtlichkeit, wie sie am Ende ihrem Baby-Enkel ein Liebeslied vorsingt. Eine erstaunliche Filmfigur, die tatsächlich offen ist für alles, was kommt.

          Sie sucht keinen neuen Mann. Frauen über vierzig, sagt sie, kommen in die Mülltonne. Sie sagt auch: „Kannst du dir mich mit einem alten Mann vorstellen?“ Das ist das Dilemma. Als sie einen Abends ins Kino geht, um Kiarostamis „Liebesfälscher“ anzuschauen, baggert sie ein jüngerer Mann an. Sie schüttelt ihn ab. Angemessen empört, das heißt: nicht so sehr. Eher genervt. Sie will allein sein. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten spürt sie, vollkommen frei zu sein. Das sagt sie zu Fabien, der in eine Landkommune ins Vercors gezogen ist, wo sie ihn besucht, aber nicht bleibt.

          Die Freiheit zu denken

          Die Freiheit, die über Nathalie kommt, ist kein Hurragefühl. Sie ist etwas, das die wichtigen Fragen des Lebens noch einmal aufwirft. Wie zu leben sei und ob die Ideen der Geistesgeschichte zu diesen Fragen etwas beizutragen haben. Ob sich die einen von den anderen überhaupt trennen lassen, wenn man lebt und denkt wie Nathalie.

          Zwei Autofahrten strukturieren den Film, jede mit einem eigenen Lied. Beide verbinden die Stadt mit dem Land, das Nathalie liebt. In der Bretagne am Meer steht das Landhaus ihres Ehemanns. Dort hat sie den Garten zum Blühen gebracht, dort zieht sie jetzt aus. Und auf dem Weg zum Bahnhof, der auch der Weg zur sterbenden Mutter ist, spielt besagtes Schubert-Lied. Es klingt, als sei es für diese Situation des Abschieds geschrieben, der traurig ist und gleichzeitig Ketten löst. Aber bei der zweiten Autofahrt, diesmal mit Fabien, beim zweiten Lied, diesmal Woody Guthrie mit „Ship in the Sky“, da sagt Nathalie, „mein Mann hörte immer nur Schubert und Brahms, ich konnte das kaum mehr mit anhören“. Sie sind auf dem Weg zu seiner Landkommune in der Gegend von Grenoble. Aus der Diskussion, ob in einer philosophischen Online-Zeitschrift, an der die jungen Leute dort arbeiten, Autorennamen genannt werden sollen, beteiligt Nathalie sich nicht. Aber sie bemerkt, dass auch dort die Frauen das Geschirr spülen, und legt sich mit einem Buch auf eine Wiese.

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