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Video-Filmkritik : Auch die Seelen sind hier öfter nackt als bedeckt

Bild: F.A.Z.

Alte Geschichte am richtigen neuen Ort: Luca Guadagninos Film „A Bigger Splash“ hebt sich gezielt von seinem erzählerischen Vorbild „Der Swimmingpool“ ab und begeht neue Wege.

          Das Kino ist eine junge Kunst. Denn es vergisst, wie alt es eigentlich ist. Hundertzwanzig Jahre, das sind zehn Regisseursgenerationen, von denen jede auf den früheren aufbaut, sie überbietet, imitiert, verdrängt. Und mindestens ebenso viele Generationen von Schauspielern und Stars, die am Firmament der Leinwand gestrahlt haben und verglüht sind. Man muss nur den greisenhaften Harrison Ford in der jüngsten „Star Wars“-Folge sehen, um zu begreifen, dass selbst jene Sciencefiction-Märchen, die alles Irdische weit hinter sich zu lassen scheinen, am Ende von ihm eingeholt werden.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Nur ein Teil des Kinos bleibt immer jung: seine Zuschauer. So kalt und glatt die neuen Multiplexe und ihre digitalen Guckkästen auch sein mögen, sie bleiben ein ewiger Sehnsuchtsort der Jugend, sie stillen den Erfahrungshunger eines Publikums, das aus der Kindheit heraus- und in die Erwachsenenwelt noch nicht hineingewachsen ist. Dieses Publikum will nicht hören, dass früher alles besser war. Es will Filme sehen, die so jung sind wie es selbst. Dass das Kino eine Geschichte hat, dass es Regisseure und Genres gibt, die unter der Last dieser Geschichte zerbrechen, ist ihm egal. Und es hat recht.

          Vergessen wir also möglichst rasch, dass „A Bigger Splash“, das neue Werk des Italieners Luca Guadagnino, das Remake eines Films von 1969 ist – und dass dieser Film, „La piscine“ (Der Swimmingpool) von Jacques Deray, trotz vieler Verrisse beim Kinostart inzwischen Kultstatus genießt, was vor allem an seiner Besetzung liegt. Alain Delon und Romy Schneider, die Hauptdarsteller, standen in den sechziger Jahren auf dem Gipfel ihres Ruhms, und der Film, der von einem Paar erzählt, das seine Ferien in einer Villa an der Côte d’Azur verbringt, zwang sie zu einem Reenactment ihrer Liebesaffäre, die damals zwar schon sechs Jahre zurücklag, aber für die Klatschpresse noch immer ein gefundenes Fressen war. Dazu kommen Maurice Ronet als alternder Verführer, der den Ferienalltag des Paares durcheinanderbringt, und die blutjunge Jane Birkin in der Rolle seiner lolitahaften Tochter. Die erotische Spannung der Geschichte entlädt sich in einer Szene, in der Delon die nackte Romy Schneider mit einem Olivenzweig schlägt, und in jener berühmten Mordsequenz in jenem Pool, der dem Film seinen Namen gab. Das alles muss man vergessen, bevor man „A Bigger Splash“ sieht.

          Neu und anders: Figuren mit Hintergründen

          Nur einer kann es naturgemäß keinen Augenblick lang vergessen, und das ist Luca Guadagnino, der Regisseur. „La piscine“ bleibt der Referenzpunkt aller seiner Bemühungen, einen neuen, jungen, zeitgemäßen Film zu drehen, gerade weil die Vorlage schon fast ein halbes Jahrhundert alt ist. Will er sie nicht kopieren, muss er sie studieren. Und das hat Guadagnino getan. Man merkt es an vielen kleinen Bewegungen, mit denen er sich von seinem Vorbild absetzt, an Motiven, die einander so ähnlich und doch voneinander so verschieden sind wie ein Pool vom anderen. Diese ungleichen Spiegelungen könnte man bis ins Detail verfolgen, aber wir wollen hier ja keine Filmgeschichte schreiben, sondern eine Filmkritik. Reden wir also über das, was Guadagnino ganz neu und anders gemacht hat.

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