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Video-Filmkritik zu „Tschick“ : Wo liegt nochmal Nichts-wie-raus-hier?

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., StudioCanal Deutschland

Fatih Akin hat Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ verfilmt: Einer der besten deutschen Regisseure bringt einen großen Romanbestseller ins Kino – treu dem Geist und dem Buchstaben.

          Der Ost-Berliner Stadtteil Marzahn ist ein exzellenter Ausgangspunkt für ein Roadmovie. Hier beginnt mehr oder weniger zwischen den Hochhäusern schon das flache Land, das dann bis Wladiwostok reicht. Ein hellblauer Lada Niva ist als Fahrzeug dabei jedem anderen Schlitten vorzuziehen. Und wem es bis Wladiwostok zu weit ist, der kann sich nähere Ziele setzen. Die Walachei zum Beispiel. Eine europäische Region, von der viele nicht genau wissen werden, ob sie danach eher in einem aktuellen oder in einem historischen Atlas (oder gar in einem Märchenbuch?) suchen sollen.

          Die Walachei ist die Chiffre für das „möglichst weit weg“, die in Wolfgang Herrndorfs (Anti-)Roadmovie-Roman „Tschick“ einem vierzehnjährigen Erzähler namens Maik Klingenberg die Welt öffnet. Maik lebt in Marzahn. Durch ein modisches Detail, für das man einen bestimmten generationellen Sinn haben muss, erweckt er - der Langweiler aus dem Speckgürtel, „reich, feige, wehrlos“ - die Aufmerksamkeit eines ungewöhnlichen neuen Klassenkameraden: Dieser Tschick findet nämlich eine Jacke gut, die Maik bei Humana gefunden hat. „Irgend so ein Chinateil, für fünf Euro.“ Dafür bekommt Maik ein Kompliment: „Übertrieben geile Jacke.“

          Zweimal gut gewählt

          Es sind wohl Kleinigkeiten wie diese, aber eben auch der von Anfang an radikal weite Horizont dieser Geschichte, die Fatih Akin dazu bewogen haben mochten, „Tschick“ zu verfilmen - ein heikles Unterfangen, denn einerseits ist das Buch so gut erzählt, dass dabei eigentlich nichts schiefgehen kann; andererseits hat das Buch einen so eigenen Sound, dass bei einer Verfilmung eigentlich nur alles schiefgehen kann. Ist es aber nicht, das kann man ja schon einmal sagen. Eine „übertrieben geile Jacke“ hat sich gefunden, und das weite Land, das hinter Marzahn direkt mit einem Maisfeld beginnt, hat Fatih Akin wirklich sehr schön durchmessen. Auch sonst passt hier eine Menge ganz gut, so dass die Verfilmung das schlimmste aller denkbaren Verdikte nicht auf sich zieht: sie ist nicht „endbescheuert“, wie fast alles, was aus der Welt der Erwachsenen sonst auf die Vierzehnjährigen so zukommt.

          Das Erste, auf das es ankommt, wenn man Figuren aus einem Buch auf die Leinwand bringen will, ist natürlich die Besetzung. Hier hat Fatih Akin zweimal gut gewählt. Tristan Göbel, der als Maik Klingenberg das „weiße“ Wohlstandsdeutschland vertritt, ist fast schon ein Profi. Man kennt ihn aus den „Oskar, Rico“-Filmen, und man könnte ihn sogar in Christoph Stölzls „Goethe!“ gesehen haben, was sicher auch den Deutschlehrer Kaltwasser gefreut hätte. Der aber hat im Film keinen Platz, er musste dem Geschichtslehrer Wagenbach den Vortritt lassen. Tristan Göbel ist mit seinen langen Grunge-Haaren und der Humana-Jacke der perfekte angepasste Rebell, dessen erste wirklich coole Aktion ein Schulaufsatz über seine Mutter und den lieben Gott ist.

          Eine schlanke Verfilmung

          Den Andrej „Tschick“ Tschichatschoff hingegen spielt ein Debütant: Anand Batbileg ist großartig. Er kommt in den deutschen Film so, wie er bei Maik in die Klasse kommt. Mit einer Frisur, für die sich selbst Fußballer genieren würden, mit einem Wissen, das ihm endlose Überlegenheit verschafft, aber keine Freunde. Batbileg muss ein Kind spielen, das aus einer (angedeuteten) Welt kommt, die mit dem Leben schon abgeschlossen hat. Diese Gratwanderung gelingt mit einer Unschuld, die nichts anderes als das Ergebnis geglückter Arbeit sein kann. Die große Gefahr bei der Verfilmung von „Tschick“ liegt auf der Hand - da kann „Fack Ju Göhte“, vor allem der wirklich endbescheuerte erste Teil, als Vergleich dienen: Es muss unbedingt alles vermieden werden, was nach Satire aussieht. Der Film darf sich auf keinen Fall über irgendetwas lustig machen, auch nicht über Polizisten, die mit Verkehrsmitteln, die selbst einem Lada Niva unterlegen sind, eine Verfolgungsjagd bestreiten müssen, oder über eine Risi-Pisi-Familie, bei der es unterwegs einmal „Reis mit Pampe“ gibt, und die leicht zu einem üblen Ökonarrenspiegel hätte werden können. Aber nichts von alledem. Auch diese Szene bleibt, wie eigentlich der ganze Film, perfekt dem weltöffnenden Geist der Vorlage treu - und vielfach übrigens auch dem Buchstaben. Wenn Fatih Akin etwas hinzufügt, dann sind es kluge Akzente und einen sehr guten Soundtrack, der den Horizont der beiden Ausreißer dann doch übersteigen würde, ohne dass das aber irgendwie aufdringlich wirkt.

          1999 hat Fatih Akin schon einmal einen Film über eine Fahrt in den Osten gemacht: „Im Juli“. Damals waren Moritz Bleibtreu und Christiane Paul unterwegs, es gab alle möglichen schrägen Abenteuer und ein Happy end. Dann kam 2004 „Gegen die Wand“, und mit diesem Welterfolg kamen für Akin die Möglichkeiten, sich als Filmemacher auch große Träume zu verwirklichen wie 2014 das historische Epos „The Cut“, das für den Genozid an den Armeniern so etwas wie „Schindlers Liste“ sein wollte. Das ging nicht gut. „Tschick“ nimmt sich nun im Vergleich dazu als eher bescheidenes Projekt aus, eine in jeder Hinsicht schlanke Verfilmung.

          Das ist genau das, was dem Roman „Tschick“ am besten entspricht. Wolfgang Herrndorf hat mit dem fast schon weggepfändeten Eigenheim in Marzahn, das wegen „dreier Raupen und eines Grashalms“ aus dem Immobilienboom in der Hauptstadt ausscheiden musste, eine Szene geschaffen, aus der man nicht mehr die ganz große Fahrt antreten kann - wie Fatih Akin sie mit seinen früheren Filmen, auf unterschiedlichste Weise, immer wieder versucht hat. Mit einem Buch, mit einem Freund wie „Tschick“ kommt man gerade so weit, wie es denkbar ist, wenn man am Ende der sechs Wochen Ferien das wichtigste Zeugnis bekommen möchte: erste Schritte ins Leben - mit Bravour (und Nonchalance) bestanden.

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