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Video-Filmkritik: Jung & Schön : Nichts wird, wie es war, aber alles ist möglich

Bild: Weltkino

Wie man vom Objekt zum Subjekt der Begierde wird: In seinem Film „Jung & Schön“ lässt François Ozon ein Mädchen auf die harte Tour erwachsen werden.

          4 Min.

          Ein Mädchen am Strand. Mittagslicht. Ein Junge beobachtet sie aus den Dünen mit dem Fernglas. Das Mädchen zieht sein Bikini-Oberteil aus und schließt die Augen. Der Junge nähert sich. Der Schatten seiner Hand wandert über ihr Badetuch, ihren Bauch, ihre nackte Brust, ihr Gesicht. Da richtet sie sich auf: „Was tust du?“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Er tut, was alle tun in François Ozons „Jung & Schön“. Der kleine Bruder - er hält das Fernglas -, der Ferienfreund, die Mutter, der Stiefvater, die Mitschüler und später sehr viele ältere Männer: Sie alle betrachten Isabelle (Marine Vacth), die in diesem Sommer siebzehn wird. Aber jeder von ihnen zieht aus dem, was er sieht, eine andere Konsequenz. Die einen sind neugierig. Die anderen machen sich Sorgen. Die Dritten bezahlen ein paar hundert Euro, damit Isabelle in Pariser Hotelzimmern mit ihnen schläft.

          Von unzähligen Augen verfolgt

          In Fritz Langs „M“ gibt es eine Szene, in der Peter Lorre von unzähligen Augen auf der Straße verfolgt wird. Sogar die Laternen, die Schaufenster haben Augen. „Jung & Schön“ macht aus diesem großen Bild einen ganzen Film. Aber es ist nicht mehr der Kindermörder, der im Zentrum der Blicke steht, sondern das Kind, das ihm entkommen ist. Und das jetzt, als Siebzehnjährige, von anderen Blicken, anderen Bildern gejagt wird: Werbebildern auf der Straße, Pornobildern im Internet. Sie sagen, was Jugend, was Schönheit, was Sex, was Macht ist. Der Filmtitel hat ja, wenn man ihn nachhallen lässt, einen spöttischen, giftigen Klang, er schwankt zwischen Ironie und Fanfare. „Jung und unschuldig“ hieß das einmal, erst im Schauermelodram, dann im Bahnhofskino.

          In den Ferien, kurz vor ihrem Geburtstag, verliert das Mädchen seine Unschuld. Es geht schnell, nachts am Strand, und Isabelle spürt nichts, noch nicht einmal Enttäuschung. Aber sie sieht etwas. Sie sieht sich selbst, wie sie sich beim Geschlechtsakt zuschaut. Es ist das wichtigste Bild dieses Films, denn es zeigt, wer Isabelle sein will: nicht das Objekt der Begierde, der Frauenkörper, der unter einem zuckenden Männerkörper liegt. Sondern die Betrachterin. Die Herrin des Blicks.

          Das Callgirl Léa

          In Paris, im folgenden Herbst, arbeitet Isabelle als Callgirl. Sie nennt sich Léa, sie hat eine eigene Website, und sie lernt, erst scheu, dann zunehmend selbstbewusst, die Regeln des Geschäfts. Zugleich geht sie zur Schule und liest mit ihren Klassenkameraden ein Gedicht von Rimbaud: „Man ist nicht ernsthaft, wenn man siebzehn ist ... Ihr seid verliebt. Vergeben bis in den August. Der Narr, das Herz, träumt Robinsons Romane mit. Nacht im Juni! Siebzehn Jahre! Welch ein Genuss!“

          Es ist die Beschwörung eines Zustands, von dem Isabelle weit entfernt ist. Und doch möchte jeder der Männer, die sie nachmittags in ihr Hotel bestellen, etwas davon abhaben, auch der weißhaarige Georges (Johan Leysen), der Isabelles Stammkunde wird. Eines Tages, mitten im Akt, bricht er unter ihr zusammen und stirbt. Es ist der zweite Verlust ihrer Unschuld, und er wird, wie der erste, mit Blut besiegelt, einer Stirnwunde, die Isabelle sich zuzieht, als sie in Panik aus dem Zimmer des Toten flüchtet. Jetzt hat sie das Ende des Weges gesehen, der mit der Entjungferung beginnt: den Tod.

          Ein Reigen mütterlicher Empörung

          Ein Film von François Ozon: Das ist immer auch das Versprechen eines Kinoerlebnisses, in dem die Regeln des Spiels, das Erzählen heißt, kunstvoll gebrochen, in dem unsere Erwartungen an den Verlauf und den Ausgang von Geschichten planmäßig düpiert werden. In seinen schwächeren Filmen, wie in „Angel“ oder „Ricky“, hat Ozon seine Provokationen in den luftleeren Raum der Kostüme und Effekte gestellt, in seinen besseren verübt er sie dort, wo es schmerzt. So auch hier.

          Denn natürlich wird Isabelles geheimes Treiben entdeckt. Und es folgt jener Reigen mütterlicher Empörung, hilfloser Wut, verzweifelter Suche nach Gründen und psychiatrischer Nachsorge, der zur Logik der Geschichte gehört. Bei Ozon aber ist der Akzent um eine entscheidende Nuance verschoben. Seine Kamera (Pascal Marti) blickt in allen wichtigen Momenten allein auf Isabelle. So begreift man, dass ihr die Bemühungen ihrer Umgebung, sie von der Erfahrung der Prostitution zu heilen, völlig gleichgültig sind. Sie will nur ein Bild loswerden, das Bild des toten nackten Mannes unter ihr im Bett. Das Bild ihrer Schuld: „Ich habe ihn getötet“, sagt sie zu ihrem Psychiater.

          Mit schönen Frauen schöne Dinge tun

          Wirklich getötet hat sie nur das Kind, das sie war. Man sieht es in der Szene, in der sie ihrem neuen Freund aus der Schule beim Sex routiniert auf die Sprünge hilft. Und in jener anderen, in der sie ihrer Familie beim Frühstück zusieht. In dieser Welt findet sie keinen Platz mehr. Dafür hat sie die Blickrichtung des Anfangs umgedreht. Sie schaut zurück, sie ist zum Subjekt ihres Begehrens geworden. Abends, im Wohnzimmer, wickelt sie ihren Stiefvater um den Finger, bis die Mutter ihn wegzieht. Nichts wird wieder heil, aber alles ist möglich. Das nennt man Erwachsensein.

          Es gibt eine inszenatorische Zärtlichkeit, eine visuelle Intelligenz in diesem Film, die man nicht beschreiben kann; man muss sie sehen. Nicht, dass Ozon nicht auch das alte Kinospiel spielte, das darin besteht, mit schönen Frauen schöne Dinge zu tun. Aber er zeigt, wie Isabelle in dieser Partie allmählich die Oberhand gewinnt. Sie entzieht sich unseren Phantasien und denen des Kinos. Am Ende, in jenem Frühling der Erkenntnis, der auf den Herbst der Entgleisung und den Winter der Reue folgt, ist Marine Vacths Gesicht nicht mehr das eines Mädchens, sondern das einer jungen Frau. Ein einziger solcher Film von einem deutschen Regisseur, in Stil, Haltung und Professionalität, und der Ruf des deutschen Kinos wäre für ein ganzes Jahr gerettet.

          Die Jahreszeiten der Geschichte sind mit vier Chansons von Françoise Hardy aus den sechziger und siebziger Jahren unterlegt. Sie erzählen, wie das Gedicht von Rimbaud, von erster Liebe, Einsamkeit, den Ängsten und Hochgefühlen des Jungseins. Es ist, als wollte Ozon daran erinnern, dass die alten Verse und Lieder auch im Zeitalter von Facebook und Youporn noch gelten. Dazu passt, dass er am Ende seine Lieblingsschauspielerin Charlotte Rampling vor die Kamera holt. Sie spielt die Ehefrau des Mannes, der in Isabelles Armen gestorben ist. Isabelle geht mit ihr in das Hotelzimmer, in dem es geschah. Dort schläft sie ein. Als sie erwacht, ist ihre Reifeprüfung vorbei.

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