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Video-Filmkritik: Jung & Schön : Nichts wird, wie es war, aber alles ist möglich

Ein Reigen mütterlicher Empörung

Ein Film von François Ozon: Das ist immer auch das Versprechen eines Kinoerlebnisses, in dem die Regeln des Spiels, das Erzählen heißt, kunstvoll gebrochen, in dem unsere Erwartungen an den Verlauf und den Ausgang von Geschichten planmäßig düpiert werden. In seinen schwächeren Filmen, wie in „Angel“ oder „Ricky“, hat Ozon seine Provokationen in den luftleeren Raum der Kostüme und Effekte gestellt, in seinen besseren verübt er sie dort, wo es schmerzt. So auch hier.

Denn natürlich wird Isabelles geheimes Treiben entdeckt. Und es folgt jener Reigen mütterlicher Empörung, hilfloser Wut, verzweifelter Suche nach Gründen und psychiatrischer Nachsorge, der zur Logik der Geschichte gehört. Bei Ozon aber ist der Akzent um eine entscheidende Nuance verschoben. Seine Kamera (Pascal Marti) blickt in allen wichtigen Momenten allein auf Isabelle. So begreift man, dass ihr die Bemühungen ihrer Umgebung, sie von der Erfahrung der Prostitution zu heilen, völlig gleichgültig sind. Sie will nur ein Bild loswerden, das Bild des toten nackten Mannes unter ihr im Bett. Das Bild ihrer Schuld: „Ich habe ihn getötet“, sagt sie zu ihrem Psychiater.

Mit schönen Frauen schöne Dinge tun

Wirklich getötet hat sie nur das Kind, das sie war. Man sieht es in der Szene, in der sie ihrem neuen Freund aus der Schule beim Sex routiniert auf die Sprünge hilft. Und in jener anderen, in der sie ihrer Familie beim Frühstück zusieht. In dieser Welt findet sie keinen Platz mehr. Dafür hat sie die Blickrichtung des Anfangs umgedreht. Sie schaut zurück, sie ist zum Subjekt ihres Begehrens geworden. Abends, im Wohnzimmer, wickelt sie ihren Stiefvater um den Finger, bis die Mutter ihn wegzieht. Nichts wird wieder heil, aber alles ist möglich. Das nennt man Erwachsensein.

Es gibt eine inszenatorische Zärtlichkeit, eine visuelle Intelligenz in diesem Film, die man nicht beschreiben kann; man muss sie sehen. Nicht, dass Ozon nicht auch das alte Kinospiel spielte, das darin besteht, mit schönen Frauen schöne Dinge zu tun. Aber er zeigt, wie Isabelle in dieser Partie allmählich die Oberhand gewinnt. Sie entzieht sich unseren Phantasien und denen des Kinos. Am Ende, in jenem Frühling der Erkenntnis, der auf den Herbst der Entgleisung und den Winter der Reue folgt, ist Marine Vacths Gesicht nicht mehr das eines Mädchens, sondern das einer jungen Frau. Ein einziger solcher Film von einem deutschen Regisseur, in Stil, Haltung und Professionalität, und der Ruf des deutschen Kinos wäre für ein ganzes Jahr gerettet.

Die Jahreszeiten der Geschichte sind mit vier Chansons von Françoise Hardy aus den sechziger und siebziger Jahren unterlegt. Sie erzählen, wie das Gedicht von Rimbaud, von erster Liebe, Einsamkeit, den Ängsten und Hochgefühlen des Jungseins. Es ist, als wollte Ozon daran erinnern, dass die alten Verse und Lieder auch im Zeitalter von Facebook und Youporn noch gelten. Dazu passt, dass er am Ende seine Lieblingsschauspielerin Charlotte Rampling vor die Kamera holt. Sie spielt die Ehefrau des Mannes, der in Isabelles Armen gestorben ist. Isabelle geht mit ihr in das Hotelzimmer, in dem es geschah. Dort schläft sie ein. Als sie erwacht, ist ihre Reifeprüfung vorbei.

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