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Film zum Attentat auf Utøya : 69 Mal Mord aus einem Blickwinkel

Bild: dpa

Erik Poppes Film „Utøya 22. Juli“ flieht mit einer jungen Frau vor dem Inselmassaker. Schnitte gibt es in diesem Film nicht – seine makellose Oberfläche deckt die Unmenschlichkeit des Ereignisses zu.

          Warum kein Schnitt in diesem Film? Man könnte antworten: Weil sein Geschehen selbst ein solcher Einschnitt in der jüngeren europäischen Geschichte gewesen ist, dass jede dramaturgische Zäsur lächerlich gewirkt hätte. Das Massaker vom 22.Juli 2011 auf der norwegischen Ferieninsel Utøya, bei dem 69 Menschen starben, konfrontierte uns mit einem Terrorismus, den wir gleich doppelt fern geglaubt hatten: historisch, denn der einzelne Attentäter war ein Nazi, und methodisch, denn er feuerte einfach auf alles, was sich bewegte, und das waren auf Utøya Kinder und Jugendliche. Dem Mörder kam es auf den Schock an, nicht auf die Personen, die er tötete. Dadurch sollte sein verrücktes rechtsradikales Programm maximale Aufmerksamkeit erhalten. Man muss leider sagen, dass es ihm geglückt ist.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dagegen beschäftigt sich Erik Poppes Spielfilm „Utøya 22. Juli“ mit dem Attentäter nur insoweit, als es unmöglich ist, ihn ganz herauszulassen. Aber zu sehen ist er jeweils nur für Sekundenbruchteile, und sein Name wird nie genannt. Es geht Poppe um die Opfer, und der Fokus des Films liegt auf einer einzelnen jungen Frau, Kaja, deren Flucht die Kamera von Martin Otterbeck auf Schritt und Tritt über Stock und Stein in tausend Haken folgt – in einer einzigen Einstellung eben, die mehr als achtzig Minuten währt, wovon 72 der tatsächlichen Zeit zwischen dem ersten und dem letzten Schuss des Attentäters gelten. Die als schier unendlich empfundene Dauer des Mordens ist der prägnanteste Effekt von Poppes Film.

          Dessen erst durch digitale Aufnahmetechnik ermöglichte simulierte filmische Unmittelbarkeit – die in Wahrheit akribischste Planung bei den Dreharbeiten verlangt – ist dagegen seit Alexander Sokurows „Russian Ark“ von 2002 nichts Neues mehr. Sebastian Schippers 2015 auf der Berlinale gefeierter Spielfilm „Victoria“ scheint das Prinzip zur frühen Vollendung gebracht zu haben, und „Utøya 22. Juli“, der als norwegischer Beitrag im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale stand, hat dem denn auch nichts mehr hinzugefügt und ging bei der Preisvergabe konsequenterweise leer aus. Die Idee einer einzigen Einstellung in Spielfilmlänge ist mittlerweile derart gewöhnlich, dass der Regisseur Dani Levi sie erst vor ein paar Wochen für einen „Tatort“ genutzt hat, der auch nicht gerade originell geriet.

          Der Wahnsinn bricht ein

          Da agierte Poppe immerhin wagemutiger, weil weniger puristisch, aber dafür dramaturgisch geschickter. Bevor der erste Schuss auf Utøya fällt, wird in dokumentarischen Filmaufnahmen der auch schon für acht Menschen tödliche Bombenanschlag gezeigt, den derselbe Täter am gleichen Tag in der Hauptstadt Oslo verübte. Und hier gibt es im Film noch Schnitte: Das Geschehen wird aus verschiedensten Blickwinkeln umkreist – paradoxerweise als Gegenentwurf zum Realismus suggerierenden ununterbrochenen Fluss der eigentlichen Spielfilmhandlung auf Utøya. Die setzt dann ein mit dem vorletzten Schnitt des Films: auf einen Wald, wo sich im Folgenden das Hauptgeschehen abspielen wird – ein Blick aufs offene Meer und damit die Hoffnung aufs Entkommen wird erst sehr viel später gewährt.

          Die erste Person, die uns im Wald ins Gesicht blickt, ist Kaja, bemerkenswert intensiv gespielt von der neunzehnjährigen Kinodebütantin Andrea Berntzen. In den folgenden knapp zehn Minuten werden durch kurze Begegnungen und Dialoge mit Kaja noch einige weitere Jugendliche eingeführt, die uns wiederbegegnen werden. Vor allem aber wird die Unbeschwertheit des Ferienlagerlebens beschworen, in die der Wahnsinn einbricht.

          In Schönheit sterben

          „Utøya 22. Juli“ bezieht nur bedingt Spannung aus dem Warten auf Schüsse und Schnitte. Von Ersteren wissen wir ja, dass sie kommen, von Letzteren, dass sie nicht kommen. Das Morden auf der Insel spielte sich auch nicht als Sperrfeuer ab; es gibt immer wieder Momente der Besinnung im Film, verdächtig stille Minuten, in denen die Gedanken angesichts des unerträglichen Wartens umso mehr rasen: beim Personal auf der Leinwand auf der Suche nach einem Ausweg, beim Publikum vor der Leinwand auf der Suche nach einem Ausstieg. Wo Eskapismus keine inhaltliche Option ist, wird er formal umso attraktiver, und so flüchtet man sich als Zuschauer in die Bewunderung der technischen Marchart des Films.

          Das aber bringt einen frivolen Zug ins Regie-Spiel von Erik Poppe: die Überlagerung seines ethischen Anspruchs durch den ästhetischen. In Schönheit sterben ist immer dann, wenn man es wörtlich verstehen muss, ein verdammenswerter Aspekt des Kinos. Im Fall von „Utøya 22. Juli“ triumphiert zudem die Illusion filmischer Perfektion über die reale Verdorbenheit der Tat. Und interessanter gemacht als die gut recherchierte Individualpsychologie der Figuren, die auf Gesprächen der beiden Drehbuchautoren Siv Rajendram Eliassen und Anna Bache-Wiig mit Überlebenden beruht, wird vom Film leider die kollektiv wirkungsmächtige Frage, wie die ohnmächtig handelnden Personen am Ende wohl wieder zusammengeführt werden. Auch das macht der Film farb- und kameratechnisch brillant, aber seine makellose Oberfläche deckt die Unmenschlichkeit des Ereignisses zu.

          Am Ende braucht die Handlung zumindest noch zwei weitere Minuten nach dem letzten Schuss, um den Massenmord buchstäblich hinter sich zu lassen. In diesen paar Sekunden wird übrigens von einem Kameraschwenk die einzige erwachsene Person im Film erfasst, die den Jugendlichen beisteht – und dadurch wird im letzten Moment noch deutlicher, wie hilflos die 560 Urlauber auf der Insel diesem einen Bewaffneten mit seinem Sturmgewehr ausgeliefert gewesen sind. Dann folgt der letzte Schnitt, hin zum nachtschwarzen Abspann und dem einzigen Einsatz von Filmmusik, die kaum hörbar, aber umso verstörender ist. Die klügsten Elemente des Films stehen somit am Anfang und am Ende. Dazwischen ist eine große Schauspielerinnenleistung zu bewundern, ein inszenatorisches Kabinettstück, eine fulminante Kamera. Aber all das lenkt vom Schrecken des Geschehens ab.

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