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Video-Filmkritik: „Tolkien“ : Nachdem Europa zerbrach, schuf er eine neue Welt

Bild: 20th Century Fox

Seine Bücher hat das Kino bereits ergriffen, jetzt will es auch sein Leben an sich reißen: Der Film „Tolkien“ zeigt den Schöpfer der „Herr der Ringe“-Trilogie als geschichtlichen und psychologischen Fall.

          Ein englischer Soldat im Schützengraben, es tobt die Schlacht an der Somme. Wenn er seinen Kopf hebt, sieht er um sich nichts als Zerstörung, eine Landschaft wie aus einem Albtraum. Dann kommen plötzlich die Deutschen mit Flammenwerfern an den Grabenrand und gießen ihr Feuer über die Briten aus. Schließlich fällt der Blick auf einen Bombentrichter, dessen Grund mit Wasser gefüllt ist, um den tote Soldaten beinahe schon malerisch ausgebreitet liegen. Der Soldat aber taumelt immer weiter, auch wenn er schon längst nicht mehr kann, er hat eine Mission, die er erfüllen muss, und mehr als einmal steht ihm sein treuer Bediensteter zur Seite, der dem Angeschlagenen wieder auf hilft. Sein Name ist Sam.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Spätestens hier, wahrscheinlich aber schon weit früher enthüllt der Film „Tolkien“, gedreht von Dome Karukoski nach einem Drehbuch von David Gleeson und Stephen Beresford, worum es ihm geht. Da ist ein Jahrhundertautor mit einem weltweit gelesenen Werk, nach dem eine Reihe von Filmen gedreht worden sind, die tief im popkulturellen Gedächtnis verankert sind – J. R. R. Tolkien und sein Mittelerde-Kosmos, dessen prominenteste Vertreter „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ sind. Da ist ferner das Interesse der Leser an der Person des Autors, die jahrzehntelang hinter dem Werk verschwunden ist und lediglich Züge eines wortverliebten Professors aus Oxford preisgab, der unspektakulär mit seiner Familie lebte und für die Protagonisten seiner Fantasy-Romane eine eigene Sprache und Mythologie erfand. Hinzu kommt die These, dass Tolkiens Kosmos irgendwie mit seinen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg zusammenhänge, die sich am ausführlichsten und fruchtbarsten bereits in Tom Shippeys Buch „Der Weg nach Mittelerde“ von 1982 findet.

          Es geht also um die Frage, wie aus Tolkien dem Schuljungen Tolkien der Autor wurde, und das ist im Rahmen der gegenwärtigen Biopic-Welle, die in jüngster Zeit schon die Lebenswege etwa von Brian Wilson, Freddie Mercury oder Elton John für die Leinwand aufbereitete, kein sonderlich origineller Ansatz: Die Frage nach der Genese eines Kunstwerks findet ihre Antwort nachträglich in der Jugend des Urhebers. Schlaglichtartig wird hier das Zusammenleben von Tolkien mit seinem Bruder und seiner Mutter nach dem frühen Tod des Vaters beleuchtet, und in den betont kontrastierenden Bildern der Ländlichkeit, wo die Familie anfangs wohnt, und der rauchverschleierten Industriestadt Birmingham, in die sie dann zieht, soll der Zuschauer wohl die Wurzel für Tolkiens Sehnsucht nach dem Auenland seiner Bücher erkennen. Denn nichts geschieht hier zufällig, alles führt nach Mittelerde – die Mutter, die den Knaben William Morris’ Edda-Nachdichtung vorliest, sorgt mit der dort enthaltenen Sigurd-Geschichte für ein erstes Konzept von Drachen, und die tanzenden Schatten des Lampenschirms unterstreichen die Lebendigkeit des Vorgelesenen.

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