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Animationsfilm „Zoomania“ : Wer hilft dem Quotenkuscheltier bei seinem schwersten Fall?

Bild: F.A.Z., Disney

Alle können mit allen zusammenleben, aber nur niedlich ist das eher nicht: Der Trickfilm „Zoomania“ bietet tierischen Realismus. Diesmal können Eltern froh sein, wenn Kinder sie mit ins Kino nehmen.

          2 Min.

          Die guten Eltern haben an alles gedacht: Beim Abschied am Provinzbahnhof geben sie ihrer kleinen Idealistin, die unbedingt in die Großstadt will, um dort ihren Traum vom Polizeidienst zu verwirklichen, gute Ratschläge und Puder sowie Spray gegen Füchse mit – eine Häsin, finden sie, könne nie genug davon haben. Die Beschenkte wehrt die süßen Zudringlichkeiten ein bisschen beschämt ab, nimmt dann aber doch alles mit. Es hilft ihr natürlich nicht gegen das, was ihr bevorsteht: überwältigende Aussichten aus dem Zug auf die Dschungel-, Sand- und arktischen Viertel der Metropole, bald darauf eine viel zu kleine Junggesellinnenwohnung in einem lichtarmen Bruchblock, außerdem laute und buchstäblich bockige Nachbarn, vor allem aber die entmutigende Einsicht, dass die Vorstellung, im urbanen Zentrum könnten alle alles werden, was sie wollen, ein bisschen blauäugig war. Bei der Polizei, wo außer ihr ausschließlich Bären, Nashörner und sonstige Großkaliber arbeiten, betrachtet man sie als Quotenkuscheltier und nimmt sie folglich nicht ernst.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Stadtverwaltung, vor allem der Bürgermeister, natürlich (das Wort steht hier im scharfen Gegensatz zu: politisch) ein Löwe, hat sie nur deshalb in eine Uniform gesteckt, weil er aus wahltaktischen Erwägungen ein paar kommunale Gleichberechtigungsblößen bedecken muss. Wenn die ebenso flauschige wie dickschädelige Heldin Judy Hopps im Kollegenkreis mit dem Ernst der Minderheitenfürsprecherin in eigener Sache erläutert, dass zwar Hasen andere Hasen „niedlich“ nennen dürften, dasselbe Wort aus dem Mund eines anderen Geschöpfs aber einen Übergriff darstelle, dann sieht man sie buchstäblich mit dem Seufzer kämpfen, es sei ja doch alles vergebens, das multikulturelle, falsch: multitaxonomische (eine Spezies ist ja ein Taxon, keine Kultur) Wunschbild sei eine Seifenblase, von der nur der demütigende Strafzettelstreifendienst bleibt.

          Zeig' ihnen nie, dass sie es geschafft haben

          Dann aber stolpert sie über den größten Kriminalfall des, nun ja, Geheges, und die einzige, ziemlich gesträubte Unterstützung, die ihr zuteilwird, kommt ausgerechnet vom kleinkriminellen Fuchs Nick Wilde. Die Leute, die „Zoomania“ gedreht haben, verpassen dem alten „Buddy Cop Movie“-Prinzip (zwei möglichst konträre Charaktere werden vom Schicksal zur Zusammenarbeit gezwungen) den beweglichsten Dreh seit Jahren, und dass der Plot dabei auch noch an einer wundervollen Liebesgeschichte schnuppern darf, ist nicht der einzige Grund dafür, dass Erwachsene froh sein dürfen werden, wenn ihre Kinder sie in diesen Film mitnehmen.

          Derart dichte Schwärme von sight gags hat nicht mal Pixar in jeder Produktion freigelassen: Eisbärmafiosi, die einem winzigen Rattenpaten gehorchen; ein FKK-Club für Tiere, die wenigstens in ihrer Freizeit keine Kleider tragen wollen; Shakira, die als Popstar-Gazelle nicht nur eine magische Bühnenpräsenz auffährt, die ihr als Mensch manchmal eher abging, sondern auch ein Statement übers Verhältnis von Hass und Hedonismus abgibt, das man als Trumpstopper- oder Anti-AfD-App verkaufen könnte – dies alles ist mit leichtester Pfote in ein wuselwildes Drama eingebettet, bei dem nicht nur die Rechten, also Puristen der Speziesgrenzen, sondern auch die vor lauter Lust an der Erziehung anderer bisweilen ziemlich intriganten oder betriebsblinden Integrationsschäfchen mit kupferstichexakten Karikaturen bedacht werden. Naiv ist hier gar nichts, „Zoomania“ lässt die Figuren, die lernen müssen, miteinander auszukommen, nirgends zu frommen Verständnisabziehbildchen erstarren; die Garantie dafür, dass die Sache gutgeht, wird konsequent verweigert: Alle haben problematische Wesenszüge, die sie nicht abstellen können und in den Griff kriegen müssen, wenn sie sich nicht lächerlich machen wollen wie die Wölfe mit ihrem dummen Heulreflex.

          Der Fuchs rät der Häsin, denen, die sie diskriminieren, nie zu zeigen, dass sie es geschafft haben, sie zu verletzen. Mit offenem Visier wird hier ausgesprochen, was man wissen muss zu all den schwierigen Fragen, die derzeit in vielen Ländern, deren Kinder diesen Film jetzt sehen werden, auf Messers Schneide stehen. Die Bildsprache dazu schwingt elegant vom Drolligen zum Pathos und zurück, nicht eine Sekunde müffelt der Film nach Pädagogik. Was für ein Happen Frischluft in dieser dumpfen Zeit.

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