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Video-Filmkritik zu „Foxtrot“ : Ein Tanz mit dem Tod

Bild: F.A.Z., NFP

In seinem Film „Foxtrot“ erzählt der israelische Regisseur Samuel Maoz von einem Ehepaar, das seinen Sohn im Krieg verliert, und von einem Land, das sich hoffnungslos auf der Stelle dreht.

          In Wahrheit wird der Foxtrott nicht so getanzt wie in diesem Film. Drei Schritte vorwärts, einer zur Seite: „Egal wo du hintrittst, du landest immer am gleichen Punkt.“ Das stimmt nicht, man kommt dabei in der Regel ziemlich gut voran. Aber auch ein israelischer Kontrollposten im Westjordanland sieht ja nicht so aus wie in „Foxtrot“. Oder eine Architektenwohnung in Tel Aviv. Oder, um auch das klarzustellen, eine „Playboy“-Ausgabe von 1970. Der Film erfindet sich die Welt, in der er spielt, aber deshalb ist er trotzdem nicht weniger real als die Realität. Er macht nur manchmal einen zusätzlichen Schritt zur Seite – und auf einmal landet man an einem Punkt, der auf keiner Land- oder Kinokarte verzeichnet ist.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Eine Wohnung in Tel Aviv, innen, Tag. Eine Frau öffnet die Tür. Draußen stehen drei Soldaten der israelischen Armee. „Frau Feldmann?“ Sie fällt in Ohnmacht, sie fangen sie auf, und nun ist es ihr Ehemann, dem die Botschaft überbracht wird: Jonathan Feldmann, sein Sohn, ist tot, gefallen im Einsatz. Der Rest ist Erstversorgung: eine Spritze für die Frau, Tabletten für den Mann. „Es ist wichtig, dass Sie viel trinken.“ Und Feldmann trinkt. Er brüllt in sein Kissen, er tritt seinen Hund, er lässt heißes Wasser über seinen Handrücken laufen, bis sich Brandblasen bilden. Dann geht er ins Pflegeheim zu seiner Mutter, die wie eine ostelbische Baronin aussieht und nicht versteht, was geschehen ist, obwohl sie es Wort für Wort wiederholt. Und er empfängt den Militärrabbiner, der ihn freundlich auffordert, für die Trauerfeier eine kleine, nicht allzu lange Rede auf seinen Sohn vorzubereiten: „Sie könnten etwas über seinen Charakter sagen, vielleicht sogar etwas Komisches...“

          Und dann macht der Film jenen Seitenschritt, der den vertrauten Trott der Geschichte – Trauerarbeit, Ehekrise, Wahrheitssuche, Versöhnung – plötzlich außer Kraft setzt. Denn die Soldaten stehen noch einmal in der Tür, und diesmal bringen sie eine gute Nachricht. Aber Feldmann will sich dennoch nicht beruhigen. Er brüllt, er zerschmeißt ein Glas, er wütet gegen Frau und Bruder, dann greift er zum Hörer und ruft einen Bekannten an, der einen Bekannten hat, der ein hohes Tier bei der Armee kennt. Und mitten in diesem Gespräch, mitten im Satz, springt das Bild an einen anderen Ort, einen Kontrollpunkt in der Wüste, einen Grenzposten am Ende der Welt. Er heißt wie der Film: Foxtrot.

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          Samuel Maoz, der Regisseur, hat vor „Foxtrot“ erst einen Spielfilm gedreht. „Lebanon“ spielte in einem israelischen Panzer, der durch die Trümmerlandschaften des Libanonkriegs von 2006 rollte, und wenn man dem Film etwas vorwerfen konnte, dann höchstens, dass er den stählernen Sarg nicht noch enger, die Todesangst darin nicht noch beklemmender ausmalte. In „Foxtrot“ führt der Weg jetzt scheinbar aus dem Hamsterkäfig der Großstadt in die Weite des Landes, aber das ist eine Täuschung. Der Himmel über der Wüste wiegt nicht leichter als die Zimmerdecke in Tel Aviv, und der Container, in dem die vier Grenzer hausen, ist eine Blechbüchse, die täglich ein paar Zentimeter tiefer im Schlamm versinkt. Draußen, vor dem Schlagbaum, kontrolliert einer die Autoinsassen, der Zweite sitzt am Computer, der Dritte am Scheinwerfer, der Vierte am Maschinengewehr. Und dieser Vierte ist Jonathan Feldmann.

          Man könnte den Film jetzt immer so weitererzählen, wie es die Verleihbroschüren tun: Ein Wagen nach dem anderen wird angehalten, bei Tag und Nacht, in Wind und Regen, bis irgendwann etwas schiefgeht und das Maschinengewehr losrattert. Aber darum geht es in „Foxtrot“ im Grunde nicht. Bei Samuel Maoz geht es darum, Bilder zu finden, in denen sich die innere und die äußere Lage des Landes spiegeln, Bilder, wie sie David Grossman in seinem Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ gebraucht hat, wo es ebenfalls um Eltern und Söhne ging und um das Sterben im Krieg.

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