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Video-Filmkritik : Gegen die Horde dauerqualmender Männer

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Lächeln und Summen: Die Verlegerin Kay Graham (Meryl Streep) braucht Zeit, bis sie sich in der männerdominierten Branche zurecht findet. Bild: dpa

Steven Spielbergs Zeitungsthriller „Die Verlegerin“ erzählt von einer Redaktion, die politischem Druck standhält. Und von einer Frau, die alle überrascht.

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          Die Presse soll den Regierten dienen, nicht den Regierenden.“ Ein Satz wie ein Paukenschlag, kurz, heftig, mit langem Nachhall. Er ist allesentscheidend. Wäre er nicht gefallen, in diesem heiklen Moment, die Geschichte wäre anders verlaufen. Die besondere verfassungsrechtliche Stellung der Rede- und Pressefreiheit hätte schweren Schaden genommen. Und vieles, was daraufhin ins Schwanken geriet, wäre unberührt geblieben. Der Satz steht in einem Urteil des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten vom 30. Juni 1971.

          Damit wurde die einstweilige Verfügung der Nixon-Regierung gegen die Veröffentlichung geheimer Dokumente zum Verlauf des Vietnam-Kriegs in der „New York Times“ und der „Washington Post“ aufgehoben. Nicht die journalistische Veröffentlichung von Informationen, sondern die staatliche Unterdrückung derselben stellt einen Verfassungsverstoß dar, so lautete die fundamentale Botschaft des Urteils, das Präsident Nixon angeblich zur Weißglut trieb und die entscheidende Voraussetzung dafür schuf, dass die Amerikaner nur ein Jahr später „Watergate“ auf allen Titelseiten ihrer Zeitungen lasen.

          Brisante Inhalte zum Vietnamkrieg

          Nicht um „Watergate“, sondern um die Veröffentlichung der „Pentagon Papers“, den anderen großen Schicksalsmoment in der jüngeren amerikanischen Pressegeschichte, geht es in Steven Spielbergs neuem Film „Die Verlegerin“. Also um jene hochvertrauliche, siebentausend Seiten lange Untersuchung, die ein ehemaliger Verteidigungsminister hatte anfertigen lassen, um der Nachwelt Einblicke in die „Geschichte US-amerikanischer Entscheidungsfindungen in Vietnam“ zu ermöglichen und die frühe, von vier Präsidenten unter absoluter Geheimhaltung vorangetriebene Planung des Krieges offenzulegen.

          Diese brisanten Papiere wurden von einem der Autoren „geleakt“ und der Presse zugespielt und erst in der „New York Times“ und dann – trotz des von der Regierung erwirkten Publikationsverbotes – wagemutig in der „Washington Post“ veröffentlicht. Spielbergs Film konzentriert sich – nach einigen historischen Rückblenden und Zeitkoloraturen am Anfang – ganz auf die eine, folgenreiche Schicksalsfrage: drucken oder nicht drucken?

          Zu treffen hat diese Entscheidung eine Frau mittleren Alters, die ursprünglich nicht für Beschlussfassungen solcher Reichweite vorgesehen war. Die zufriedene Mutter und Ehefrau Katharine Graham ist nach dem Selbstmord ihres Mannes an die Spitze der „Washington Post“ katapultiert worden und muss sich in ihrer neuen Rolle als Zeitungsverlegerin gegen eine Horde von ehrgeizigen, selbstsicheren, dauerqualmenden Männern behaupten.

          Wenn ihr Chefredakteur, der alte Zeitungshase Ben Bradlee, sich beim morgendlichen Frühstückstreffen im forschen Ton jegliche Einflussnahme auf die Berichterstattung verbittet, lächelt sie zuvorkommend und summt kurz leise vor sich hin. Beim Vorstandstreffen später, wo der Börsengang des finanziell angeschlagenen Unternehmens beschlossen werden soll, druckst sie herum und lässt sich erleichtert das Wort aus dem Mund nehmen. Verantwortung ist ihre Sache nicht, so scheint es, sie interessiert sich mehr für die Hochzeitsberichterstattung und das Ausrichten von Dinnerparties.

          Die Zeitung wird gedruckt

          Während Tom Hanks einen neuen Höhepunkt seines schauspielerischen Einfühlungsvermögens erreicht, indem er Bradlee bis in die kleinste Geste hinein als risikoversessenen Chefredakteur gibt, der seine Großmutter für eine gute Story verkaufen würde, spielt Meryl Streep ihre „Kay“ als zaghaft Zögernde mit unsicherem Charme, immer den Tränen nahe, nie im richtigen Moment schlagfertig. Als sich die Ereignisse jedoch überschlagen, als es um die Grundsatzfrage geht, ob die „Post“ gegen den Richterbeschluss die geleakten Geheiminformationen drucken und damit die Strafverfolgung riskieren soll, ändert sie ihre Haltung. Die Männer um sie herum raten ab, malen den Untergang des Unternehmens, Hochverrat, gar eine Gefängnisstrafe an die Wand. Selbst der mutige Bradlee gerät für einen Moment ins Zweifeln.

          Da trifft sie zum ersten Mal einsam eine Entscheidung – gegen ihre Vertrauten aus Politik und Börse, gegen den Rat ihres Vorstands: „Ich habe eine Verantwortung für diese Firma“, sagt sie, „aber ich habe auch eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit, dem Wohlergehen der Nation und den Prinzipien der freien Presse.“ Und auf einmal wandelt sich diese verhuschte, beschlussunfähige Person in eine entschiedene, augenblitzende Kriegerin, die ihr eigenes Schicksal aufs Spiel setzt, damit die Freiheit zu ihrem Recht gelangt und die Presse nicht vor der Macht in die Knie geht. Die Zeitung wird gedruckt, und das oberste Gericht lädt zur entscheidenden Anhörung.

          Keine Gewalt, kein Sex, keine pathetische Rede

          Das Beeindruckende an Spielbergs Film ist, dass er über die Dauer von mehr als zwei Stunden eine ungeheure Spannung erzeugt, ohne dass im herkömmlichen Sinne viel passiert. Keine Gewalt, kein Sex, nicht mal eine lange pathetische Rede – alles, was man sieht, sind Menschen, denen langsam ihre Verantwortung bewusst wird, die begreifen, welche Folgen ihr Handeln oder Nichthandeln haben wird. Um deutlich zu machen, was hier auf dem Spiel steht, reicht Spielberg eine Geräuschkulisse aus anschlagenden Schreibmaschinen, knackenden Telefonleitungen und rauschenden Radionachrichten aus. Dazu kommen knappe, treffsichere Dialoge und die sehr sparsame, aber ungemein präzise Mimik von Meryl Streep und Tom Hanks.

          Verlegerin Kay Graham (Meryl Streep) muss eine einsame Entscheidung treffen.
          Verlegerin Kay Graham (Meryl Streep) muss eine einsame Entscheidung treffen. : Bild: TWENTIETH CENTURY FOX FILM CORPORATION AND STORYTELLER DISTRIBUTION CO. LLC./ Niko Tavernise

          Die Sache, um die gerungen wird, ist wirkkräftig genug, dazu braucht es keine großen Gefühlspanoramen (die Musik von John Williams, mit dem Spielberg hier zum achtzehnten Mal zusammenarbeiten, bleibt zurückhaltend im Hintergrund) oder Psychodramaturgien. Welche Rolle hat die Presse? Darf sie etwas veröffentlichen, obwohl es die Stabilität der politischen Führung gefährdet? Hat sie im Zweifelsfall das Recht, sich als wirkliche Gewalt zu verstehen und Gesetze zu brechen, um zu informieren?

          „Der einzige Schutz für das Recht der Veröffentlichung ist die Veröffentlichung.“ Bradlee spricht den Satz so, als wollte er nicht nur sich und seinen Leuten, sondern uns allen Mut machen zur Enthüllung, zur journalistischen Rebellion gegen die geheimen Machenschaften der Mächtigen. Im Gerichtssaal wird wenig später ein ranghoher Offizieller entgegnen: „Man kann nicht regieren, ohne Geheimnisse zu wahren.“ Aber das überhört man lieber. Für spitzfindige politische Theorie ist jetzt kein Platz. Das moralisch Gute ist die Transparenz, sie führt zum Ziel und in diesem Falle sogar zum Ende eines Krieges.

          Steven Spielberg, der in den siebziger Jahren seine Karriere begann, gelingt es, diese folgenreiche Pressegeschichte so zu erzählen, dass sie keinerlei historische Patina hat. In keinem Moment kann man sich ihr mit wohligem historischen Distanzgefühl entziehen – nur weil ein redigierter Artikel mit der Rohrpost geschickt wird oder Münzgeld neben einem Telefonhörer liegt, sind wir nicht fern des Geschehens. Das alles könnte hier und jetzt passieren, im Redaktionsgebäude einer türkischen Oppositionszeitung, im Schlafzimmer einer russischen Bloggerin oder sogar im leitenden Redakteursbüro des ZDF-Nachrichtenstudios. Entscheidungen um der Freiheit von Presse und Öffentlichkeit willen werden nach wie vor getroffen. Und nicht immer gehen sie so gut aus wie hier.

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