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Video-Filmkritik : Gegen die Horde dauerqualmender Männer

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Da trifft sie zum ersten Mal einsam eine Entscheidung – gegen ihre Vertrauten aus Politik und Börse, gegen den Rat ihres Vorstands: „Ich habe eine Verantwortung für diese Firma“, sagt sie, „aber ich habe auch eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit, dem Wohlergehen der Nation und den Prinzipien der freien Presse.“ Und auf einmal wandelt sich diese verhuschte, beschlussunfähige Person in eine entschiedene, augenblitzende Kriegerin, die ihr eigenes Schicksal aufs Spiel setzt, damit die Freiheit zu ihrem Recht gelangt und die Presse nicht vor der Macht in die Knie geht. Die Zeitung wird gedruckt, und das oberste Gericht lädt zur entscheidenden Anhörung.

Keine Gewalt, kein Sex, keine pathetische Rede

Das Beeindruckende an Spielbergs Film ist, dass er über die Dauer von mehr als zwei Stunden eine ungeheure Spannung erzeugt, ohne dass im herkömmlichen Sinne viel passiert. Keine Gewalt, kein Sex, nicht mal eine lange pathetische Rede – alles, was man sieht, sind Menschen, denen langsam ihre Verantwortung bewusst wird, die begreifen, welche Folgen ihr Handeln oder Nichthandeln haben wird. Um deutlich zu machen, was hier auf dem Spiel steht, reicht Spielberg eine Geräuschkulisse aus anschlagenden Schreibmaschinen, knackenden Telefonleitungen und rauschenden Radionachrichten aus. Dazu kommen knappe, treffsichere Dialoge und die sehr sparsame, aber ungemein präzise Mimik von Meryl Streep und Tom Hanks.

Verlegerin Kay Graham (Meryl Streep) muss eine einsame Entscheidung treffen.

Die Sache, um die gerungen wird, ist wirkkräftig genug, dazu braucht es keine großen Gefühlspanoramen (die Musik von John Williams, mit dem Spielberg hier zum achtzehnten Mal zusammenarbeiten, bleibt zurückhaltend im Hintergrund) oder Psychodramaturgien. Welche Rolle hat die Presse? Darf sie etwas veröffentlichen, obwohl es die Stabilität der politischen Führung gefährdet? Hat sie im Zweifelsfall das Recht, sich als wirkliche Gewalt zu verstehen und Gesetze zu brechen, um zu informieren?

„Der einzige Schutz für das Recht der Veröffentlichung ist die Veröffentlichung.“ Bradlee spricht den Satz so, als wollte er nicht nur sich und seinen Leuten, sondern uns allen Mut machen zur Enthüllung, zur journalistischen Rebellion gegen die geheimen Machenschaften der Mächtigen. Im Gerichtssaal wird wenig später ein ranghoher Offizieller entgegnen: „Man kann nicht regieren, ohne Geheimnisse zu wahren.“ Aber das überhört man lieber. Für spitzfindige politische Theorie ist jetzt kein Platz. Das moralisch Gute ist die Transparenz, sie führt zum Ziel und in diesem Falle sogar zum Ende eines Krieges.

Steven Spielberg, der in den siebziger Jahren seine Karriere begann, gelingt es, diese folgenreiche Pressegeschichte so zu erzählen, dass sie keinerlei historische Patina hat. In keinem Moment kann man sich ihr mit wohligem historischen Distanzgefühl entziehen – nur weil ein redigierter Artikel mit der Rohrpost geschickt wird oder Münzgeld neben einem Telefonhörer liegt, sind wir nicht fern des Geschehens. Das alles könnte hier und jetzt passieren, im Redaktionsgebäude einer türkischen Oppositionszeitung, im Schlafzimmer einer russischen Bloggerin oder sogar im leitenden Redakteursbüro des ZDF-Nachrichtenstudios. Entscheidungen um der Freiheit von Presse und Öffentlichkeit willen werden nach wie vor getroffen. Und nicht immer gehen sie so gut aus wie hier.

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