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Video-Filmkritik: „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ : Ein Kuss im Anne-Frank-Haus

  • -Aktualisiert am

Bild: Twentieth Century Fox

Die romantische Komödie über zwei krebskranke Teenager riskiert zwar heikle Vergleiche. Doch Josh Boone gelingt eine einfühlsame Inszenierung von John Greens erfolgreichem Jugendbuch.

          3 Min.

          Eine besonders kitschige Szene in dieser Verfilmung von John Greens sehr erfolgreichem Jugendbuch findet in Amsterdam statt, genauer: im ehemaligen Versteck Anne Franks. Die Besucher des Museums unterbrechen die Betrachtung der Ausstellung und brechen ergriffen in zustimmenden Beifall aus, denn in ihrer Mitte küssen Heldin und Held einander leidenschaftlich. Dass man als Zuschauer des Films geneigt ist, dieses Abgleiten ins unglaubwürdig Zuckersüße vor der ernsten Kulisse zu verzeihen, hat zwei Gründe: Zum einen Shailene Woodley als einnehmende todkranke Hazel Grace Lancaster - den bleibenden Eindruck, den sie als George Clooneys charismatische Tochter in Alexander Paynes „The Descendants“ hinterließ, vermag sie hier zu festigen, mit Ansel Elgort als Partner, dessen Porträt des verschmitzten, sehr verliebten, beinamputierten Augustus Waters ebenfalls überzeugt. Zuvor mimten beide Schauspieler im Megablockbuster „Divergent“ noch Geschwister. Als Liebespaar sind sie besser.

          Zum anderen aber, Kitsch hin oder her, weiß der Film von Josh Boone das Thema Krebsleiden bei Jugendlichen zwischen romantic comedy und Drama tragfähig und sensibel zu inszenieren. In der Anfangssequenz des Films sitzt die siebzehnjährige Hazel Grace in einem Einkaufszentrum und betrachtet vorbeigehende Altersgenossinnen: lachende, gut aussehende Mädchen, eine knutscht mit ihrem Freund, alle sind unbekümmert, haben Spaß. Ein Blick auf die Voyeurin und ihre Erzählung aus dem Off machen unmissverständlich klar, dass sie bei dieser Vitalität außen vor bleibt.

          Zeichen des anstehenden Todes

          Nachdem bei ihr im Kindesalter Schilddrüsenkrebs diagnostiziert wurde, hat sie Metastasen in der Lunge entwickelt, die ihr immer mehr die Luft zum Atmen nehmen. Ein Sauerstoffschlauch verläuft von den Nasenlöchern quer über ihr Gesicht an den Ohren vorbei zu einer Sauerstoffflasche, die sie immer hinter sich her rollt oder in einem Rucksack bunkert; sie ist genötigt, die Zeichen ihres anstehenden vorzeitigen Todes konstant zur Schau zu tragen. Ihr einziger Wunsch ist es, den im fernen Holland lebenden Autor ihres Lieblingsbuches (Willem Dafoe) ausfindig zu machen. Eher widerwillig und auf Drängen der Mutter (Laura Dern) entschließt sie sich, Sitzungen einer Selbsthilfegruppe für krebskranke Jugendliche zu besuchen, im Film eine skurrile geschlossene Gesellschaft.

          Als Leiter (Mike Birbiglia) fungiert ein arbeitsloser, videospielsüchtiger Hodenkrebsüberlebender, der alle Teilnehmer um einen riesigen Herz-Jesu-Teppich im Kreis versammelt. Hier findet Hazel in dem an Augenkrebs leidenden, bald ganz blinden Isaac (Nat Wolff) einen Freund mit Sinn fürs Ironische, der, seines Augenlichtes beraubt, trotzdem unbeirrt mit Eiern auf den Wagen seiner Ex-Freundin zielt. Der schlagfertige, lässige Augustus, den der Knochenkrebs bereits ein Bein gekostet hat, wird - nach inneren Kämpfen angesichts der prekären Situation mit unzweifelhaftem Ausgang - ihre große Liebe.

          Wie es das märchenhafte Hollywood-Kino und die Buchvorlage wollen, verwandelt sich die Krebspatientin zeitweilig in eine Prinzessin im blauen Kleid, die mit ihrem Liebsten entlang der Grachten spaziert und für das Cover eines Modemagazins posieren könnte. Ihr Atmungsgerät wirkt wie ein deplaziertes Requisit. Das zu Beginn des Films vermeintlich Unerreichbare erfüllt sich für Hazel doch.

          Erfüllungssehnsucht der Ich-Erzählerin

          Auch die bloße Existenz dieses Films erfüllt Wünsche - solche von Fans der Buchvorlage nämlich. Ein erstes Screening in Berlin Anfang Mai erlebte einen Ansturm von Green-Jüngern. Bedeutungsschwere Zitate aus dem Buch wie „Pain demands to be felt“ oder „Some infinities are bigger than other infinities“, Bilder, Kollagen, sogar abfotografierte Opfergaben in Form thematisch dekorierter Kuchen, Kekse und Muffins kursieren im Internet. Eine Bloggerin postete, wie sie das romantische Dinner der Protagonisten aus dem Buch akkurat nachkochte. Die mit einem Ed-Sheeran-Song und anderer eingängiger Popmusik gespickte Verfilmung wird diese Fans kaum enttäuschen. Ihr kostbarer Schatz wird keineswegs verflacht.

          Woher kommt diese Begeisterung eigentlich? Die von schwerer Krankheit und Behinderungen geprägten Figuren dürften den wenigsten eine Identifikationsfläche bieten. Als moderne Leitbilder werden sie aber dennoch empfunden. Der Ausbruchsdrang und die Erfüllungssehnsucht der Ich-Erzählerin aber lassen sich verallgemeinern und sogar historisieren: „I long to ride a bike, dance, whistle, look at the world, feel young and know that I’m free“ steht an der Wand, wenn Hazel Grace atemlos und abgekämpft den Dachboden der Amsterdamer Prinsengracht erreicht. Die Momente der Einschränkung und Isolation, die aus dem Tagebuchauszug Anne Franks sprechen, funktionieren als Analogie. Letztlich aber wird da Unvereinbares in eins geblendet. Auch bei Anne Frank im Museum mag - und darf - geküsst werden. Der Beifall geht aber dann doch etwas zu weit.

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