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„Die Maske“ im Kino : Der Mann mit dem Schweinegesicht

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Von einer Auswanderung nach England ist nun keine Rede mehr. Dagmara kehrt auch zurück, es hat wohl nicht so geklappt für sie in der Fremde. Und so muss das Dorf, das sich am liebsten mit diesem stolzen Betonkönig identifizieren würde, sich auch mit einem aus seiner Mitte identifizieren, der nicht minder berühmt ist, aber auf den man nicht so richtig stolz sein kann. Jacek macht Sensation, das Fernsehen berichtet über die spektakuläre Operation, die eine oder andere Marke möchte sogar mit ihm werben. Auch ein Freak kann ein Idol sein, wenn nackte Gier geil ist.

Entstellungen zur besseren Kenntlichkeit?

Malgorzata Szumowska und der Kameramann Michal Englert haben „Die Maske“ auf eine besondere Weise gefilmt: eine sogenannte Tilt-Shift-Ästhetik bringt es mit sich, dass immer nur ein Teil des Bildes scharf gestellt ist, das Drumherum bleibt verschwommen, die geläufigen Hierarchien von Vordergrund und Hintergrund (oder deren Auflösung in tiefenscharfen Einstellungen) lösen sich auf. Man kann das als einen billigen Effekt abtun, oder aber als ein allegorisches Angebot nehmen.

Zentrum und Peripherie, eines der gesellschaftlichen Themen des Films, werden hier also schon auf der Ebene des Bildes verunklart. Und auch das Verhältnis zur Welt insgesamt gerät mit diesem tendenziell „grotesken“ Bild in die Krise: „Die Maske“ ist ein Film, der die Entstellung der Hauptfigur gleichsam in seine Form aufgenommen hat. Genau genommen ist die Entstellung auch gar nicht individuell: in den ersten Bildern von der gierigen Meute waren schon alle davon betroffen. Und an diesen Entstellungen (zur besseren Kenntlichkeit?) hält Szumowska dann auch unbeirrt fest.

Man kann sich gut vorstellen, wie das Publikum in Polen auf diesen Film reagieren wird – mindestens ambivalent. International aber gilt Szumowska als bedeutende Künstlerin, auf der Berlinale war sie mit ihren letzten Arbeiten immer im Wettbewerb, für „Die Maske“ gab es einen Großen Preis der Jury. Das sind typische Tauschverhältnisse im Weltkino. Kritik an einem Polen, das sich von der Welt abkehrt, wenn sie nicht gerade in Form billiger Fernsehshows daherkommt, ist zweifellos legitim – und sie kann auch die Form einer überdeutlichen Satire annehmen, in der schließlich dem Christuskönig der Betonkopf verrückt werden muss, damit er die Himmelsrichtung zur Schwarzen Madonna in Czestochowa einnimmt.

Aber über die erste Szene kommt „Die Maske“ im Grunde nie hinweg. Dass Menschen sich zum Narren machen lassen, von Konzernen und von der Kirche, das ist keine Sache, die das Kino in Zeitlupe als Entblößungsspektakel auswalzen sollte – auch und gerade wenn es solche „runs“ in Wirklichkeit tatsächlich gibt. Jacek kommt aus dem schwarzen Loch der polnischen Traditionen mit einem Schweinegesicht zurück, aber der Film hat da schon nicht mehr die Mittel, ihm jene Würde zu geben, derer er dann umso mehr bedürfte. Der König des Himmels breitet seine Arme aus über einer heillos verzerrten Welt.

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